Die gescheiterte Revolution von Marcelo Bielsa

Im Frühsommer 2017 war die süditalienische Stadt Benevento in einem Freudentaumel. Zum ersten Mal in der fast 90-jährigen Klubgeschichte hatte ihr Fußballverein den Aufstieg in die höchste italienische Liga geschafft. Zeitgleich heuerte Marcelo Bielsa beim französischen Erstligisten Lille an. Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Nichts.

Im Oktober entließ man in Benevento Trainer Marco Baroni. Er hatte die Gelb-Roten in die Serie A geführt, doch neun Niederlagen in den ersten neun Spielen waren zu viel. Es kam Roberto De Zerbi, dessen letzte Serie-A-Erinnerung ein unglückliches Gastspiel bei Palermo war. De Zerbi hat eine klare Meinung zu Bielsa: „Wenn Guardiola ein Genie ist, dann ist Bielsa mehr als das.“

Ein Lamborghini-Sammler als Klubbesitzer

2011 hatte Lille das historische Double, bestehend aus Meistertitel und französischem Pokaltriumph, geholt. Trainer war damals Rudi Garcia, der in der Folge zur Roma wechselte. Dort lief es für Garcia zwar am Anfang gut, doch der Absturz folgte schnell. Ähnlich ging es seinem Ex-Klub Lille. Ende 2016 war man die Erfolgslosigkeit satt und stürzte sich in die Hände eines Investors. Gerard Lopez, ein luxemburgischer Geschäftsmann mit spanischen Wurzeln, wurde neuer Präsident.

Verbrannte Erde in Lille

Zuerst erfolgreich, dann der schnelle Rücktritt: Marcelo Bielsa in Marseille. (Foto: Mathieu/Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Lopez ist ein schillernder Vogel. Er besaß die größte Lamborghini-Sammlung der Welt, spricht sieben Sprachen fließend und war Besitzer des Formel-1-Teams Renault. Dass er nichts mit Fußball am Hut hat, kann man ihm aber auch nicht unterstellen. Immerhin war er in seiner Jugend für Fola Esch, einem luxemburgischen Erstligisten aktiv. Als neuen Trainer präsentierte er ein paar Monate später Bielsa – ein Freund, wie Lopez betonte. Ein halbes Jahr später ist von der Freundschaft nicht mehr viel übrig geblieben. Stattdessen gibt es Krieg.

Ein Mann der Kontroverse

9,5 Millionen forderte Marcelo Bielsa von seinem Klub Lille. Der Grund: Nach enttäuschenden Leistungen in der Liga, wurde der Argentinier vorübergehend suspendiert. Das war aber nicht der einzige Grund. So soll Bielsa, ohne Genehmigung des Klubs, nach Santiago de Chile gereist sein. Dort hatte er seinen krebskranken Freund und Trainerkollegen Luis Maria Bonini besucht. Zudem gab es Disziplinlosigkeiten innerhalb der Mannschaft. Immer wieder kamen Spieler zu spät zum Training. Frauenbesuche auf dem Zimmer vor dem Pokalspiel gegen Valenciennes setzten dem Ganzen die Krone auf. Mit einem betenden Bielsa an der Seitenlinie, gewann Lille gegen den Zweitligisten im Elfmeterschießen.
Marcelo Bielsa ist ein Mann der Kontroverse. Auf der einen Seite ein Genie, das Generationen von Trainern wie Pep Guardiola oder Jorge Sampaoli beeinflusste. Auf der anderen ein Wahnsinniger und ein Sturkopf, der sich mit Klubs und Präsidenten überwirft und bei einigen Klubs mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt wurde.

Zoff bei Lazio und in Lille

2015 trat er nach nur einem Ligaspiel mit Olympique Marseille zurück, die Vorsaison hatte er mit den Südfranzosen noch auf Platz 4 abgeschlossen. Ein Jahr später kam es in Rom zum Eklat. Nur zwei Tage nach seiner Unterschrift trat Bielsa von seinem Vertrag als Lazio-Trainer zurück. Bielsa echauffierte sich über nicht vollzogene Transfers und wollte seine Arbeit mit der Mannschaft nicht antreten. Der fuchsteufelswilde Lazio-Präsident Claudio Lotito wollte den Argentinier in der Folge auf 50 Millionen Euro Schadensersatz verklagen und schob hinterher, dass Bielsa keine Ahnung hätte, weil er in Mitten der Pampa wohne.

Verbrannte Erde in Lille

Der Brasilianer Thiago Maia kam mit Bielsa nicht zurecht und bereute seinen Wechsel schnell. (Foto: Agencia Brasil/Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Auch bei Lille verscherzte er sich mit dem Präsidenten – oder besser gesagt mit dessen technischen Leiter Luis Campos. Der Portugiese, der zuvor bei Monaco herausragende Arbeit geleistet hat, hat nicht die Spieler gekauft, die sich Bielsa vorgestellt hatte. Stattdessen wurde Campos seinem Ruf als exzellenter Talentspäher gerecht und holte viele junge, talentierte Nachwuchskräfte nach Lille. Vor allem auf dem südamerikanischen Markt ist Campos, der schon mit Josè Mourinho bei Real Madrid zusammengearbeitet hatte, ein Experte. So kamen mit Thiago Maia von Santos und Luiz Araujo vom FC Sao Paulo zwei hochtalentierte, und vor allem ziemlich teure Brasilianer nach Lille. Bielsa war mit den Transfers nicht zufrieden, er wollte lieber Swansea-Stürmer Wilfried Bony haben.

Bielsa vs. seine Spieler

Vor allem mit Thiago Maia kam Bielsa nicht zurecht. Auf seiner Idealposition im defensiven Mittelfeld vertraute der Trainer Thiago Mendes. So schob er den 20-jährigen Neuzugang hin und her. Unter anderem lief Maia, der nicht nur von PSG-Verteidiger Marquinhos in höchsten Tönen gelobt wird, als Linksverteidiger auf. Weil er dort schnell mit Gelb-Rot vom Platz flog, musste er sich von Bielsa einiges anhören. Auch im Training sind die beiden öfters aneinander gekracht und Bielsa soll mit dem Brasilianer dabei nicht zimperlich umgegangen sein. Nach zwei Monaten wollte Thiago Maia zurück nach Brasilien.
Noch schlimmer erging es Marko Basa und Franck Beria. Die erste Amtshandlung von Bielsa war es, die beiden Abwehr-Routiniers auszusortieren. Torhüter Vincent Enyeama schickte er gleich mit. Die Folge: Sowohl Beria, der zum Lille-Inventar gehörte und 318 Pflichtspiele für die „Doggen“ absolvierte, als auch Basa (er spielte 196-mal für Lille) beendeten ihre Karrieren. Einzig Keeper Enyeama blieb in Lille.

Verbrannte Erde in Lille

Kehrt Marcelo Bielsa zu Arturo Vidal und dem chilenischen Verband zurück? (Foto: soccer.ru/Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Jetzt ist das Kapitel Bielsa in Lille vorbei. Für Basa und Beria ist es zu spät, aber zumindest für Thiago Maia könnte es die Rettung sein. Zwar kämpft der Klub auch unter dem neuen Trainer Christophe Galtier gegen den Abstieg, doch zumindest ist wieder Ruhe eingekehrt. Einfacher wird es aber nicht. Auch, weil der französische Liga-Verband eine Transfersperre gegen Lille verhängt hat. 45 Millionen Euro minus machte Lille im Sommer – jetzt muss Lille erst einmal Spieler verkaufen. Marcelo Bielsa ist derweil nach Südamerika zurückgekehrt. Er steht mit dem chilenischen Verband in Kontakt. 2010 hatte er Chile erstmals seit zwölf Jahren zu einer WM-Endrunde geführt.