Die große Vorschau auf den Herren-Weltcup 2017/18

Gröden, Wengen, Kitzbühel oder Schladming: Der Weltcup-Kalender der Herren ist auch heuer wieder gespickt mit zahlreichen Klassikern des Skisports. Weil mit Bormio zudem eine der spektakulärsten Abfahrten zurückkehrt, und es im Februar die olympischen Spiele gibt, stehen die Skiherren vor einer besonders attraktiven Saison.

Ski alpin: Die Superstars greifen wieder an

Macht nicht nur auf der Piste, sondern auch daneben eine gute Figur: Österreich-Star Marcel Hirscher. (Foto: Manfred Werner/Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Anders als die Damen, gaben die Männer ihren Saisonauftakt nicht in Sölden, sondern erst Mitte November im finnischen Levi. Grund dafür war die wetterbedingte Absage des Riesentorlaufs in Nordtirol. Der US-Amerikaner Ted Ligety wollte das nicht verstehen und stichelte auf Twitter nicht nur gegen den österreichischen Skiverband und den Veranstalter, sondern auch gegen Superstar und Lokalmatador Marcel Hirscher.

Ligetys Groll und Hirschers Comeback

Beim Sommertraining in Kärnten hatte sich Marcel Hirscher den Knöchel gebrochen. Dadurch hätte der Salzburger den traditionellen Auftakt in Sölden verpasst. Weil am Renntag aber heftige Sturmböen über die Piste zogen, wurde das Herrenrennen abgesagt. Für Hirscher ein Glücksfall, für die Konkurrenz weniger. Normalerweise werden Rennen, die abgesagt werden mussten, nachgeholt. Beim Auftakt und beim Weltcup-Finale ist das aber regeltechnisch nicht möglich. Ein Zustand, der nicht optimal sei und in Zukunft geändert werden soll. Das gab zumindest FIS-Direktor Markus Waldner zu Protokoll. Für Ligety zu wenig. Er witterte hinter der Absage eine Verschwörung und sagte ziemlich deutlich, was er von der Nicht-Austragung des Sölden-Riesenslaloms hält: „Es ist etwas seltsam, wenn ein Rennen schon um 6:45 Uhr früh abgesagt wird, an dem Österreichs größter Star nicht teilnehmen kann. Wenn der ÖSV-Präsident schon Tage vorher erzählt, dass das Rennen abgesagt wird, dann stinkt das.“

„Ted, hat dir deine Mutter nicht gelernt, dass man keine Lügen erzählt?“

Manuel Feller zu Ted Ligety

Der österreichische Skiverband reagierte prompt und stellte klar, dass eine Austragung aus Sicherheitsgründen unmöglich war. Die Antworten aus dem Fahrerlager ließen ebenfalls nicht lange auf sich warten. Der Tiroler Manuel Feller lies kein gutes Haar an Ligety: „Es ist eine Schande, dem österreichischen Verband die Schuld in die Schuhe zu schieben. Hat dir deine Mutter nicht gelernt, dass man keine Lügen erzählt?“ Am Ende ruderten alle zurück. Der österreichische US-Alpinchef Patrick Riml sprach von einer unglücklichen Wortwahl und Ligety befand, dass zumindest die Trainingstage in Sölden hervorragend verlaufen sind. Ende gut, alles gut.
Marcel Hirscher selbst arbeitete zu dieser Zeit hart an seiner Rückkehr in den Skiweltcup. Dass es schon drei Wochen später in Levi soweit war, war allerdings überraschend. Am Ende belegte der sechsfache Gesamtweltcup-Sieger beim ersten Saisonslalom den 17. Platz. Ein Erfolg, auch wenn er bei der Zielankunft keine glückliche Mine machte. Eines machte Hirscher mit dem schnellen Comeback klar: Es wird auch heuer für seine Konkurrenten nicht einfacher werden, ihn zu schlagen!

Wer sind die Kandidaten auf den Gesamt-Weltcup?

Topfavorit auf den Gewinn der großen Kristallkugel ist Marcel Hirscher. Der Österreicher ist ein Ausnahmesportler und hat den Männer-Skiweltcup in den letzten sechs Jahren dominiert. Langweilig wurde es dennoch nie. Das liegt auch daran, dass Hirscher in den technischen Disziplinen starke Konkurrenz bekommen hat. Henrik Kristoffersen ist ihm im Slalom ein ebenbürtiger Gegner und hat vor zwei Jahren die Slalom-Kugel gewonnen. Im Vorjahr schlug Hirscher zurück – auch weil der Norweger beim ersten Rennen aus Protest gegen seinen Verband nicht an den Start ging. Ein Allrounder wie Hirscher ist Kristoffersen aber noch nicht. Ein solcher wäre Alexis Pinturault, doch der Franzose ist in keiner Disziplin ein absoluter Siegfahrer. Am stärksten ist er im Riesentorlauf, aber dort ist die Konkurrenz mit Hirscher, Kristoffersten, Felix Neureuther und Teamkollege Mathieu Faivre groß.

Ski alpin: Die Superstars greifen wieder an

Können die Norweger um Kjetil Jansrud in den Kampf um den Gesamt-Weltcup eingreifen? Scarico sagt: Ja! (Foto: NM i Trysil/Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Zurück nach einer Verletzungspause ist Aksel Lund Svindal, bereits jetzt einer der Größten in der Skigeschichte. Dass er ein Comeback-König der Extraklasse ist, hat er in der Vergangenheit bewiesen. Allerdings muss der Norweger heuer ohne seinen Trainer und Förderer Franz Gamper auskommen. Der Südtiroler hat sich im Frühling aus dem Weltcup-Zirkus zurückgezogen. Zudem wird auch ein Svindal nicht jünger und die vielen schweren Verletzungen der letzten Jahren sind nicht spurlos am Wahl-Tiroler vorübergegangen. Ist er fit und kommt ohne gröbere Stürze durch die Saison, dann kann er Hirscher im Kampf um die große Kristallkugel gefährlich werden.
Traditionell tun sich die Techniker leichter, den Gesamt-Weltcup zu gewinnen, als ein reiner Speedspezialist. Das liegt vor allem daran, dass die Dichte in der absoluten Weltspitze in den schnellen Disziplinen enorm hoch ist, und es fast unmöglich ist, mehrere Rennen am Stück zu gewinnen. Weltklasse-Abfahrer wie Kjetil Jansrud, Alexander Aamodt Kilde oder Dominik Paris haben deshalb zuletzt vermehrt mit Riesentorläufen begonnen. Gelingt es einem von ihnen, in einer dritten Disziplin regelmäßig zu punkten und verläuft es in der Abfahrt und im Super-G optimal, dann könnten sie im Gesamt-Weltcup ein Wörtchen mitreden.

Wer sind die Favoriten in Abfahrt und Super-G?

Die gefährlichsten Disziplinen sind zugleich die reizvollsten. Dass eine Abfahrt lebensgefährlich sein kann, ist nichts Neues und jedem Profi-Skifahrer bewusst. Dennoch sind Unfälle, wie jener von David Poisson, eine Hiobsbotschaft. Der Franzose verunglückte Ende November beim Training in Kanada tödlich – ein Schock für den gesamten Skizirkus. Schuld an Poissons Tod soll eine mangelhafte Streckenabsicherung gewesen sein.
Während der Ruf nach einem sichereren Skisport immer lauter wird, geht der Weltcup weiter. Ende November stehen in Nordamerika die ersten Speedrennen auf dem Programm. Die ganz großen Klassiker gibt es allerdings erst später. Den Anfang macht Gröden, wo am 16. Dezember die Abfahrt ansteht.

Ski alpin: Die Superstars greifen wieder an

Der Südtiroler Peter Fill (hier bei der Gröden-Abfahrt) gewann im Vorjahr die kleine Kristallkugel im Abfahrts-Weltcup. (Foto: Wolfgang Moroder/Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Gröden ist immer für eine Überraschung gut, die spezielle Sonneneinstrahlung und das oft schlechte Wetter machen es möglich. Im Vorjahr siegte der Österreicher Max Franz vor Svindal und dem US-Amerikanischen Saslong-Spezialist Steven Nyman, der seine drei Weltcupsiege allesamt in Gröden gefeiert hat (2006, 2012, 2014). Zu den großen Favoriten im Abfahrtsweltcup zählt er allerdings nicht. Die heißen Svindal, Jansrud, Beat Feuz oder Hannes Reichelt. Im Vorjahr gab es lange Zeit einen Dreikampf zwischen Peter Fill, Jansrud und Dominik Paris um die Abfahrtskugel. Am Ende hatte Fill die Nase vorne. Zu sagen, dass nur diese sechs Athleten ein Rennen gewinnen können, wäre aber grundverkehrt. In keiner Disziplin gibt es so viele Siegläufer, wie in der Abfahrt. Von Adrien Thèaux, Matthias Mayer, über Erik Guay bis hin zum Slowenen Bostjan Kline – die Dichte in der Weltklasse ist enorm.
Nicht viel anders sieht die Sachlage im Super-G aus. Dort war der Norweger Jansrud der große Dominator im Vorjahr. Ob das heuer auch wieder so sein wird, bleibt abzuwarten. Mit Reichelt, Paris, Fill und Franz ist die Konkurrenz groß. Zudem muss er seinen aufstrebenden Landsmann Kilde im Auge behalten – er könnte der nächste ganz Große im Team der Skandinavier werden. Ein Geheimtipp: Adrian Smiseth Sejersted. Der 23-Jährige ist das nächste Norweger-Talent das in den Startlöchern steht.

Slalom und Riesentorlauf: Wird es wieder eine Hirscher-Show?

Im Gegensatz zu den schnellen Disziplinen, ist die Favoritenanzahl im Riesentorlauf und Slalom überschaubarer. Im Vorjahr gewann Marcel Hirscher den Riesenslalom-Weltcup mit fast 300 Punkten Vorsprung. Es deutet nichts darauf hin, dass sich heuer etwas ändern wird. Mit den Franzosen Faivre und Pinturault gibt es zwar gute Herausforderer, gefährlich dürften sie dem Österreicher aber nicht werden.

Ski alpin: Die Superstars greifen wieder an

Der Russe Alexander Khoroshilov hat sich zu einem absoluten Siegläufer entwickelt. (Foto: Romanski Foto/Lizenz: CC BY-SA 4.0))

In die gleiche Kerbe schlägt Felix Neureuther, der im Slalom eine Spur stärker ist und schon den Auftakt in Levi gewonnen hat. Allerdings fällt der Deutsche mit einem Kreuzbandriss, den er sich Ende November im Training zugezogen hat, für den Rest der Saison aus. Eine Besonderheit des Slaloms ist, dass es einige Läufer aus Ländern gibt, die nicht zu den klassischen Skinationen gehören. So sind der Russe Alexander Khoroshilov oder Dave Riding (Großbritannien) durchaus in der Lage, ein Rennen zu gewinnen. Riding hätte heuer schon einen Weltcupsieg auf dem Konto, wenn er nicht mit einem Riesenvorsprung im Gepäck am Zielhang des Levi-Slaloms gescheitert wäre. Außenseiterchancen haben Michael Matt, der Südtiroler Manfred Mölgg und sein italienischer Teamkollege Stefano Gross sowie die Schweden Mattias Hargin und Andrè Myhrer. Ein interessanter Fahrer ist der Nordtiroler Feller. Er sorgt nicht nur mit einem Schnauzer und lässiger Kleidung für Aufsehen, sondern auch mit seinem spektakulären Fahrstil – der allerdings öfters zu Ausfällen führt. Auch beim ersten Rennen in Levi war Feller schnell, sah aber das Ziel nicht.

Wann kommen die Klassiker im Herren-Weltcup?

Die Abfahrer dürften besonders heiß auf die Wengen-Abfahrt am 13. Jänner sein. Im Vorjahr musste die Lauberhorn-Abfahrt aufgrund starker Schneefälle nämlich abgesagt werden. Zudem gilt die Strecke in Wengen – neben Kitzbühel – als spektakulärste der Welt. Dorthin geht es nur eine Woche später. In Kitzbühel gibt es die volle Dröhnung: Super-G am Freitag, Hahnenkamm-Abfahrt am Samstag und zum Abschluss den Slalom-Klassiker am Ganslernhang. Zwei Tage darauf sind die Slalomspezialisten in Schladming gefordert. Das Nachtrennen auf der Planai ist der spektakulärste Slalom der Saison, auch weil 50.000 Fans für einen außergewöhnliche Stimmung sorgen. Kurios: In den letzten zwei Jahren standen immer die selben drei Athleten in der selben Reihenfolge auf dem Podium. Kristoffersen vor Hirscher und Khoroshilov. Weitere Technik-Klassiker im Weltcupkalender sind Alta Badia (17. und 18. Dezember) und Adelboden (6. und 7. Jänner).
Für die Speed-Spezialisten geht es derweil auf der Kandahar-Piste in Garmisch-Partenkirchen (27. und 28. Jänner) zur Sache. Ein harter Brocken wartet gleich am Anfang der Saison. Nachdem gemächlichen Start in Lake Louise, geht es nach Beaver Creek auf die berüchtigte „Birds of Prey“. Mit Bormio ist zudem eine der härtesten und anspruchvollsten Abfahrten zurück. Die Italiener verzichteten in den letzten Jahren aus Tourismusgründen auf ein Weltcuprennen und haben nun zurückgerudert. Dafür fällt der Langweiler aus Santa Caterina aus dem Programm. Traurig ist darüber allerdings niemand.

Fazit

Eines ist fix: Die Saison 2017/18 wird wieder extrem interessant und hochklassig. Dafür sorgt alleine schon der spektakuläre Rennkalender und die olympischen Spiele (9. bis 25. Februar). Vor allem in den schnellen Disziplinen ist das Favoritenfeld so groß, wie nie zuvor. Im Riesentorlauf und Slalom bleibt es abzuwarten, ob Hirscher wieder alles dominieren kann oder die Konkurrenz Boden gut gemacht hat. Es bleibt auf jeden Fall spannend.