Die große Vorschau auf den Damen-Weltcup 2017/18

Die Zeiten, als eine Athletin den Weltcup nach ihren Belieben dominiert hat, gehören der Vergangenheit an. Nach zwei absolvierten Rennen sieht es so aus, als würde die aktuelle Saison eine ganz besonders spannende. Gründe für diese Annahme, gibt es genug.

Es scheint noch gar nicht so lange zurückzuliegen als die Pärsons, Kostelićs und Götschls den Damen-Skiweltcup nach Belieben dominiert haben. Dabei sind seit dem letzten Weltcup-Gesamtsieg, von einer der drei Allzeitgrößen, schon über zehn Jahre vergangen. Janica Kostelić war es, die in der Saison 2005/06 ihren dritte große Kristallkugel geholt hat. Seitdem hat sich im alpinen Skizirkus viel verändert. Vor allem die heute 33-jährige US-Amerikanerin Lindsey Vonn hat das vergangene Jahrzehnt genutzt, um sich als eine der größten ihres Sports in den Geschichtsbüchern zu verewigen. Vier Mal konnte sie von 2007 bis 2012 den Gesamt-Weltcupsieg für sich verbuchen.
In der Folge warfen sie Verletzungen immer wieder zurück, und so fährt die große Lindsey seit Jahren ihrer Topform hinterherfährt. Das liegt auch daran, dass die Breite im Spitzenfeld enorm zugelegt hat. Tina Maze war die große Dominatorin im Damen-Weltcup. Vor vier Jahren stellte die Slowenin mit 2414 Punkten im Gesamt-Weltcup einen neuen Rekord auf. Mittlerweile ist Maze nicht mehr dabei. Sie hat sich, wie viele ihrer erfolgreichen Kolleginnen vom aktiven Rennsport zurückgezogen und ist Mama geworden.

Ski alpin: Damen-Weltcup so spannend wie nie

Die US-Amerikanerin Mikaela Shiffrin ist nicht nur auf, sondern auch neben der Rennpiste der Superstar im aktuellen Damen-Weltcup. (Foto: Manfred Werner/Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Dass dem Damen-Weltcup die Superstars fehlen, kann aber nicht behauptet werden. Stattdessen gibt es einen Generationswechsel. Die 22-jährige Mikaela Shiffrin ist drauf und dran in die großen Fußstapfen ihrer älteren Landsfrau Vonn zu treten. Ihr Potenzial ist riesig und dank einer unglaublichen mentalen Stärke ist es gut möglich, dass die technischen Disziplinen in naher Zukunft zu einer One-woman-Show werden. Vor allem im Slalom ist Shiffrin schon seit Jahren das Maß der Dinge. Im letzten Jahr krallte sie sich zum ersten Mal den Gesamt-Weltcup. Diesen will die Blondine heuer mit aller Macht verteidigen. Doch die Konkurrenz ist groß.

Veith, Gut oder Shiffrin: Wer holt sich die große Kugel?

Die größten Konkurrentinnen für Mikaela Shiffrin dürften die Schweizerin Lara Gut und, die nach ihrem Kreuzbandriss wieder voll genesene Salzburgerin, Anna Veith sein. Es bleibt abzuwarten, ob Lindsey Vonn ein Wörtchen mitreden kann. Auch wenn sie nicht mehr die Klasse vergangener Tage hat, muss man es ihr auf jeden Fall zutrauen. Die größten Überraschungen im Vorjahr waren die Slowenin Ilka Stuhec (sie gewann den Abfahrts-Weltcup) und die junge Italienerin Sofia Goggia. Sie komplettierten auch das Gesamt-Weltcup-Podest hinter Shiffrin. Allerdings fällt Stuhec mit einer schweren Knieverletzung für die gesamte Saison aus und auch Goggia gehört in die Kategorie „Sturzpilotin“. Die verrückte Italienerin balanciert ständig auf dem schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn. Geht ihr ein Lauf auf, dann gehört Goggia zu den Besten der Welt.

Ski alpin: Damen-Weltcup so spannend wie nie

Top oder flop? Die Italiener Sofia Goggia ist zwar ein Riesentalent, aber auch immer am Risikolimit. (Foto: Stefan Brending/Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Im Februar stehen in Südkorea die olympischen Spiele auf dem Programm. Das ist ein entscheidender Faktor, denn jeder will zu diesem Zeitpunkt in Topform sein. Schon in der Vergangenheit war es so, dass viele Stars dem Olympiasieg alles unterordnen und deshalb im Weltcup oft nicht die erste Geige spielen. Auf der Gegenseite tun sich jene Läuferinnen, die im Weltcup ganz vorne stehen, bei Großereignissen oft schwer. Bei den zwei bisherigen Rennen der neuen Saison, konnten aber schon einige Schlüsse gezogen werden.
Zum einen wird mit der deutschen Viktoria Rebensburg auch heuer wieder zu rechnen sein. Sie gewann den Auftakt in Sölden und konnte ihre gute Frühform unter Beweis stellen. Sollte es ihr gelingen, sich in ihrer Paradedisziplin, dem Riesentorlauf zu stabilisieren, dann muss man sie auf dem Schirm haben. Zumal sie auch in den schnellen Disziplinen großes Potential hat. Was man noch sehen konnte, war, dass Shiffrin im Slalom ordentlich Konkurrenz bekommen hat. Der italienische Trainer Livio Magoni (er arbeitete schon mit Tina Maze zusammen) hat die Slowakin Petra Vlhová zu einer absoluten Siegläuferin geformt. Beim ersten Saisonslalom in Levi hatte Vlhová schon einmal die Nase vorne und gewann Shiffrin. Nach dem ersten Durchgang hatte die Amerikanerin noch die Nase vorne gehabt.
Gelingt Vlhová dieses Kunststück heuer öfters, dann ist Shiffrin sicherlich auch im Gesamt-Weltcup schlagbar. Zwar ist Vlhová kein Thema für die große Kristallkugel, aber für die restlichen Konkurrentinnen gilt es die Gunst der Stunde zu nutzen.

Wer sind die Favoritinnen in den schnellen Disziplinen?

Die schnellen Disziplinen waren in den letzten Jahren das Revier von Lindsey Vonn. Seit sich die Amerikanerin mit Verletzungen herumplagen muss, haben sich aber auch andere Läuferinnen in der Weltspitze etabliert. In der vergangenen Saison hat die Slowenin Ilka Stuhec bewiesen, dass sie es sowohl in der Abfahrt als auch im Super-G kann. Während sie sich die kleine Kristallkugel in der Abfahrt holen konnte, musste sie die kleine Kugel im Super-G der Liechtensteinerin Tina Weirather überlassen – aufgrund fünf läppischer Punkte. Mit Weirather ist auch heuer zu rechnen. Immerhin will die Tochter von Harti Weirather und Hanni Wenzel (beide waren erfolgreiche Skirennläufer) den Status des ewigen Talents endlich ablegen.

Ski alpin: Damen-Weltcup so spannend wie nie

Stark in Abfahrt und Super-G: die Schweizerin Lara Gut. (Foto: Stefan Brending/Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Bei Vonn weiß man nicht so Recht, wie stark sie noch ist. Sie ist zwar immer noch schnell, ohne Frage. Durch eine zu starke Innenlage in den Kurven, kam es in den letzten Monaten allerdings öfters zu schweren Stürzen. Hat sie es im Sommer geschafft, ihre Position auf dem Ski zu stabiliseren, dann ist Vonn wieder dick im Geschäft. Neben ihr gelten die Schweizerin Lara Gut, Goggia und Rebensburg zum erweiterten Favoritenkreis. Gespannt darf man auch heuer sein, ob es einer unbekannten Läuferin gelingt, plötzlich für Furore zu sorgen. Stuhec hat gezeigt, dass das kein Ding der Unmöglichkeit ist.

Alles beim Alten in den technischen Disziplinen?

Anders als bei den Männern, bei denen es nur wenige Allrounder gibt, stehen bei den Damen viele Läuferinnen bei mindestens drei Disziplinen am Start. Vor allem der Riesentorlauf wird gerne als dritte Disziplin mitgenommen. Dort wird die Französin Tessa Worley versuchen, die kleine Kugel aus dem Vorjahr zu verteidigen. Ihre größten Konkurrentinnen dürften dabei Rebensburg, Gut, Goggia und wohl auch Shiffrin sein. Schon in Sölden lagen mit Rebensburg und Worley zwei der großen Favoritinnen vorne.
Im Slalom dürfte alles auf ein Duell zwischen Shiffrin und Vlhová hinauslaufen. Außenseiterchancen können der sehr konstant fahrenden Schwedin Frida Hansdotter, der routinierten Slowakin Veronika Velez-Zuzulová und der Schweizerin Wendy Holdener eingeräumt werden. Die Kunst wird es sein, so wenig Ausfälle wie möglich zu verzeichnen. Das ist im Slalom allerdings nicht so einfach, denn ein Einfädler oder ein Ausrutschen am Innenschuh ist schnell passiert.
Insgesamt ist es bei den Damen ähnlich wie bei den Herren. Die technischen Disziplinen sind nicht so ausgeglichen wie die schnellen Disziplinen. Deshalb ist im Slalom und dem Riesentorlauf von Favoritensiegen auszugehen – außer es kommt zur ganz großen Überraschung.

Von Cortina bis Zagreb: Die Höhepunkte im Überblick

Die ganz großen Klassiker, wie Kitzbühel oder Wengen bei den Herren, gibt es im Damen-Weltcup nicht. Trotzdem gibt es einige Höhepunkte im Rennkalender. Angefangen beim jährlichen Saisonopening in Sölden, der als der schwerste Riesentorlaufhang des gesamten Jahres gilt. Für die Abfahrerinnen sind Cortina d´Ampezzo mit dem legendären Tofanaschuss und Val d’Isere die reizvollsten Rennen. Für die Technikerinnen ist der Nachtslalom in Zagreb, wo es am berühmt-berüchtigten Bärenberg ordentlich zur Sache geht, ein absolutes Highlight. Ansonsten sind auch die seit einigen Jahren durchgeführten City-Events, wo sowohl Damen als auch Herren am Start sind, absolut sehenswert.

Fazit

Der Olympiawinter 2017/18 wird auf jeden Fall spannend. Es ist durchaus möglich, dass die absolute Weltspitze bei den Damen noch enger zusammengerückt ist, als es bisher schon der Fall war. Außerdem wird auch in dieser Saison wieder der „Phönix aus der Asche“ gesucht. Wie oft war es schon der Fall, dass bei Olympia eine Läuferin abgeräumt hat, die niemand auf der Rechnung hatte? Bevor es nach Südkorea geht, muss allerdings ein langer Weltcup-Kalender abgearbeitet werden. Es wird sich zeigen wer in Pyeongchang mit Edelmetall und im schwedischen Åre beim Weltcup-Finale mit Kristall schmücken darf.