Im Sommer 2016 hat Simon Straudi den Wechsel vom FC Südtirol zu Werder Bremen gewagt. Dort kommt der 18-Jährige aus dem Südtiroler Pustertal im Mittelfeld der Unter-19-Mannschaft zum Einsatz. Die A-Junioren der Norddeutschen spielen in der Junioren-Bundesliga und duellieren sich dort u.a. mit dem Hamburger SV, Hertha BSC oder den hochgelobten Jungspunden vom Dosenklub aus Leipzig. Doch wer ist Simon Straudi?

Im Frühjahr 2015 läuft die A-Jugend des FC Südtirol auf Hochtouren. Nach einer starken Saison kämpfen die weiß-roten Zöglinge im malerischen Chianciano Terme in der Toskana um den Titel. Aus einem starken Kollektiv sticht ein Spieler besonders heraus. Er trägt die Nummer 10 auf dem Rücken und ist seinen Gegenspielern immer einen Schritt voraus. Die Fußball-Experten in Südtirol und Umgebung sind hellauf begeistert und sich einig: Aus diesem Bursche wird mal was!

Ein Pustrer Bui in Bremen

Simon Straudi im Weserstadion und im Trikots seines Klubs Werder Bremen.

Was nur die wenigsten wissen: Simon Straudi schlägt sich zu diesem Zeitpunkt bereits seit Wochen mit Problemen im Adduktorenbereich herum. Häufig kann er nur mit Schmerzmitteln spielen, dennoch gehört er stets zu den Besten und macht mit seinen entscheidenden Treffern im richtigen Moment den Unterschied. Es klingt paradox, aber der Erfolg mit seiner Mannschaft lähmt Straudi in der Folge für Monate. Inwiefern diese Verletzung bei den Finalspielen seine fußballerische Entwicklung behindert hat, kann Straudi heute nicht sagen. Sicher ist nur, dass er mittlerweile anders reagieren würde: „Der Körper ist das wichtigste im Sport. Wenn du nicht gesund bist, kommst du nicht weit.“ Eigentlich sollte Simon Straudi die Sommer-Vorbereitung auf die Saison 2016/17 mit den FC-Südtirol-Profis absolvieren. Doch die Leistenverletzung lässt es nicht zu. Während viele seiner Teamkollegen aus der A-Jugend mit der 1. Mannschaft trainieren und ins Trainingslager fahren, dreht Straudi im Trainingszentrum am Rungghof wochenlang alleine seine Runden. Ans Aufgeben verschwendet er aber keine Sekunde, das verbietet ihm alleine schon seine Herkunft.

Von St. Georgen nach Bremen

Simon Straudi ist ein Pustrer Bui. Geboren und aufgewachsen in der 16.000-Seelen-Stadt Bruneck, durchlief der Sohn eines Verwaltungsangestellten und einer Kinder-Erzieherin die Jugendmannschaften vom ASC St. Georgen. Straudi war schon immer ein Frühstarter. Bereits im Alter von drei Jahren hat ihn sein Vater, der damals Jugendtrainer bei St. Georgen war, mit auf den Fußballplatz genommen. 2013 folgte schließlich der Wechsel zum FC Südtirol, dem einzigen Profiklub aus der nördlichsten italienischen Region. Schnell war klar, dass die Weiß-Roten ein Juwel in ihren Reihen hatten. Für die Gleichaltrigen war er zu stark, so spielte er stets eine Stufe höher. Der ehemalige FCS-Sportdirektor Luca Piazzi sieht bei Straudi sogar Serie-A-Potenzial. Diese ist im Moment allerdings weit entfernt, denn es sieht nicht so aus, als würde er nach Italien zurückkehren. „In der nächsten Saison möchte ich auf jeden Fall hier bleiben“, sagt Simon Straudi.

„Ich hätte es zwar nie geglaubt, aber jetzt fehlen mit die Südtiroler Berge.“

Simon Straudi über die Frage, was ihm an seiner Heimat fehlt

Mit „hier“ meint der 18-Jährige die norddeutsche Stadt Bremen. Dort lebt der Südtiroler seit Sommer 2016. Welche sind die größten Unterschiede zu Südtirol? „Das Wetter in Südtirol ist im Vergleich zum flachen Norden echt ein Traum“, sagt Straudi und ergänzt: „Ich hätte mir das zwar nie gedacht, aber die Berge fehlen mir schon ein bisschen.“ Dass seine erste Station außerhalb von Südtirol ausgerechnet Werder Bremen geworden ist, hat mehrere Gründe. Einer davon ist die gute Beziehung, die der FC Südtirol zum Klub mit dem rautenförmigen Wappen pflegt. Tim Borowski war zu seiner Zeit als Werder-Funktionär in Südtirol zu Gast und hat damals auch Straudi unter die Lupe genommen. Borowski ist mittlerweile zwar nicht mehr für Werder tätig, dennoch schlug der deutsche Bundesligist im Sommer 2016 zu und holte den hochveranlagten Südtiroler von Bozen an die Weser.
Simon Straudi ist schon ziemlich gut vernetzt im Fußballgeschäft. Sein österreichischer Spielerberater Thomas Böhm, Inhaber der Spieleragentur „Grass is Green“, hat mit Robert Bauer und Florian Grillitsch noch zwei Profis unter Vertrag, die bei Bremen spielen oder, im Falle von Grillitsch, gespielt haben. Die Connections sollten also passen. Auch um sein Material braucht sich Straudi keine Gedanken zu machen. Er wird mittlerweile von Adidas ausgerüstet.

Ein Pustrer Bui in Bremen

Auch wenn er seit über einem Jahr in Norddeutschland wohnt, den Südtirol-Bezug hat Simon Straudi nicht verloren.

Bremen im Kopf, Südtirol im Herz

Den Kontakt zu seiner Heimat hat er dennoch nicht verloren. Über eine Whats-App-Gruppe hat er regelmäßig Kontakt zu seinen alten Teamkollegen vom FC Südtirol, von denen mit Fabian Menghin einer beim österreichischen Drittligisten FC Kufstein seine Profikarriere vorantreibt. Auch die Hilfe und Ratschläge seiner ehemaligen Trainer Manfred Depaul, Arnold Schwellensattl und Giampaolo Morabito hat Straudi nicht vergessen: „Es gibt keinen wichtigsten Trainer in meinem Leben, aber von ihnen habe ich am meisten gelernt.“ In seine Heimat Südtirol kommt er aber nicht so oft, dafür ist die Zeit zu knapp und 1000 Kilometer Entfernung zu viel. Vormittags besucht Simon Straudi die Schule in Bremen, am Nachmittag steht Training auf dem Programm. Zudem verbringt er viel Zeit im Kraftraum, auch weil er im Top-Talente-Team von Werder steht. Wenn er trotzdem einmal in St. Georgen ist, verbringt er viel Zeit mit Freunden und Familie. Zuletzt hat sich die Situation ein bisschen verbessert, denn im Sommer 2017 wechselte auch sein jüngerer Bruder Fabian zu Werder. Er spielt dort in der Unter 17. „Auch die Freundin darf nicht zu kurz kommen“, sagt er mit einem Lächeln im Gesicht.
Was das Sportliche angeht, ist Straudi im Moment nicht zum Lachen zumute. Statt Technik- und Taktikübungen ist Reha und Kraftraum angesagt. Im Februar 2017 hat die sportliche Leitung der Bremer den U19-Trainer ausgetauscht. Mirko Votava musste gehen, der vorherige U17-Coach Marco Grote übernahm. Der neue Trainer kommt gut an, auch bei Straudi. Trainiert hat er unter Grote aber lange Zeit nicht. Eine hartnäckige Entzündung am Schambein setzte ihn monatelang außer Gefecht. Seit Mitte Oktober 2017 kann Straudi wieder mit der Mannschaft trainieren.Wann er wieder zurück auf dem Fußballplatz sein wird, weiß er noch nicht. Zumindest gibt es wieder Hoffnung, ein Ende der bitteren Zwangspause ist in Sicht. Simon Straudi wird aber auch diesen Rückschlag wegstecken. Er ist schließlich ein Pustrer Bui – und die lassen sich nicht so schnell vom Weg abbringen.

Fotos: Grass is Green