Ist der Brasilianer 163 Millionen Euro wert?

Philippe Coutinho zählt zu den besten Spielern der Welt. Beim FC Liverpool entwickelte er sich über die Jahre zu einem Leader im Team. Interesse für den FC Barcelona aufzulaufen, wurde dem 25-jährigen Brasilianer schon länger nachgesagt. Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit.

Das Fußballgeschäft hat sich in Sphären hochgeschaukelt, in dem dreistellige Millionenbeträge auf dem Transfermarkt nicht mehr utopisch sind. Wenn für einen einzigen Spieler 163 Millionen bezahlt werden, ist dies allerdings nicht nur wahnwitzig. Eigentlich kann man nur noch den Kopf schütteln. Kein Mensch der Welt ist auch nur annähernd so viel Geld wert. Nicht unser Problem, wird sich der FC Barcelona gedacht haben, als man vor wenigen Wochen Philippe Coutinho nach langem Hin und Her für genau diese Summe von Liverpool losgeeist hat. Die seit dem Rekordtransfer von Neymar überfüllten Kriegskassen der Katalanen wurden damit mit einem Schlag gelehrt. Wenn man die Ablösesumme für kurze Zeit in den Hintergrund stellt, wird allerdings bald einmal klar, warum sich Barca die Dienste des jungen Mannes aus Rio de Janeiro gesichert hat.

Philippe Coutinho: Der Hallenfußballer

Philippe Coutinho im Liverpooler Trikot in der Champions League gegen Spartak Moskau. (Foto: soccer.ru/Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Vom Hallenfußball bis in den Profibereich

Geboren und aufgewachsen unter dem Schatten der Christusstatue sammelte Coutinho seine ersten fußballerischen Erfahrungen im Hallenfußball, dem brasilianischen Futsal. Schon damals, als er für die Auswahl seines Viertels Mangueira im Norden Rios spielte, war ihm sein außergewöhnliches fußballerisches Talent anzusehen. 2000 schloss er sich schließlich Vasco da Gama an, absolvierte auch gleich seine ersten Spiele und konnte mit dem Klub diverse Meisterschaften im Jugendbereich feiern. Auf Empfehlung des Trainers folgte 2003 der Wechsel auf das Großfeld und Coutinho schaffte es auch dort zu überzeugen. Anfangs als Stürmer aufgeboten fand der er bald einmal seine Idealposition als sogenannter Zehner. Im Alter von 16 Jahren unterschrieb er schließlich seinen ersten Profivertrag bei Vasco und trainierte von dort an mit den Profis mit.
Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Name Coutinho schon überkontinental herumgesprochen und Scouts europäischer Topteams waren auf den filigranen Brasilianer aufmerksam geworden. Schließlich schnappte sich, das zu dieser Zeit noch zu Europas Elite gehörende, Inter den jungen Coutinho. Bereits zwei Monate bevor er seinen ersten Profivertrag bei Vasco unterschrieb, unterzeichnete er einen ab 2010 gültigen Vertrag bei Inter, den sich die Mailänder umgerechnet 3,9 Millionen Euro kosten ließen. Bis dahin feierte er kurz nach seinem 17. Geburtstag noch sein Profidebüt bei Vasco in der brasilianischen Serie B und stieg mit dem Verein noch im selben Jahr in die erste Liga auf. Nach einem weiteren Halbjahr, in dem Coutinho mit Vasco die Staatsmeisterschaft von Rio und mehrere Liga- sowie Pokalspiele bestritt, heuerte er im Juli 2010 endgültig beim damals frischgebackenen Champions-League-Sieger und amtierenden Serie-A-Champion Inter an. Seine Amtszeit in der italienischen Modemetropole wird sich aber nicht nur Coutinho anders vorgestellt haben.

Nie eine wirkliche Chance bekommen

Als Coutinho in Mailand ankam hatte sich dort Rafael Benitez in das gemachte Nest seines Vorgängers José Mourinho gesetzt. Dieser hatte mit Inter in der Vorsaison das Triple, bestehend aus Liga, Pokal und Champions League gewonnen und sich anschließend in Richtung Madrid verabschiedet. Coutinho wurde bereits vor seiner Ankunft als Wunderkind gepriesen und der Verein setzte hohe Erwartungen in ihn. Erwartungen, die er nie erfüllen konnte. Trotz des Triple-Gewinnes stand Inter vor einer schwierigen Zukunft und einer ganzen Hand voll Probleme. Die Amtszeit von Benitez dauerte aufgrund von anhaltender Erfolglosigkeit nur knappe sechs Monate an. Unter dem spanischen Lehrmeister musste Coutinho zwar immer wieder auf den linken Flügel ausweichen, trotzdem verlief sein Start verheißungsvoll und er kam immer wieder zu Einsatzzeiten.
Nach der Entlassung Benitez brach bei Inter jedoch endgültig das Chaos aus. Ein Trainer folgte dem nächsten. Weder unter Leonardo, Gian Piero Gasperini, Claudio Ranieri oder Andrea Stramaccioni konnte Coutinho seinen Platz finden und seine Einsatzzeiten wurden immer weniger. Gelegentlich sah man Coutinho zwar im Trikot der ersten Mannschaft, allerdings war das nie bei zwei aufeinanderfolgenden Spielen der Fall. Kein Wunder also, das die Entwicklung des Youngsters stagnierte. Neben zu wenigen Einsatzminuten kamen schließlich auch noch physische Probleme, aufgrund eines Wachstumsschubs hinzu. Diese ließen vermuten, dass er nicht das körperliche Potential hat, sich auf allerhöchstem Niveau durchsetzen. Wenn er dann mal auf dem Platz stand, machte er auch dort nicht den Eindruck, als hätte er die Persönlichkeit um es auf höchster Ebene zu schaffen.

Mailand, Barcelona, Liverpool

Im Winter-Transferfenster der Saison 2011/12 entschloss man sich schließlich dazu, Coutinho nach Spanien auszuleihen. Bei Espanyol Barcelona sollte er zu den nötigen Einsatzminuten kommen, um seiner Karriere neuen Auftrieb zu verleihen. Ein Plan, der funktionierte. Im Trikot der Blau-Weißen war Coutinho nicht nur essentieller Stammspieler, er zeigte auch eine starke Form und erzielte mehr Tore als in seiner gesamten Amtszeit bei Inter. Nach Ablauf der Leihe kehrte er im Sommer nach Mailand zurück und spielte dort eine starke Vorbereitung. Diese verhalf ihm zu regelmäßigen Einsätzen zu Beginn der Saison. Im Oktober warf ihn eine Verletzung jedoch zurück und nach seiner Wiedergenesung kam er wieder nur als Einwechselspieler zum Einsatz. Für Inter Grund genug das Experiment Coutinho für gescheitert zu erklären. Obwohl Coutinho selbst gar nicht den Verein wechseln wollte, überredete man ihn nach Liverpool gehen. Im Nachhinein betrachtet einer, einer der größten Fehler der jüngeren Vereinsgeschichte der Mailänder. So wechselte Coutinho am 30. Januar 2013 für das nette Sümmchen von 13 Millionen Euro nach Liverpool.

Der kleine Magier beginnt zu zaubern

Als Coutinho zum FC Liverpool stieß waren die großen Erfolge des Vereins schon ein paar Jahre vergangen. Außer dem Europa League Titel in der Saison 2011/12, konnte man kaum Nennenswertes feiern. Nichtsdestotrotz war Liverpool wieder dabei etwas aufzubauen – und Coutinho sollte ein wichtiges Puzzlestück dafür sein. An der Anfield Road hatte seit Sommer 2012 der Nordire Brendan Rodgers das Zepter in der Hand. Nach einer gemächlichen ersten Saison mit Tabellenplatz 7 schaffte es Rodgers in der Folgesaison eine schlagkräftige Truppe zusammen zu basteln. Als Coutinho im Winter zur Mannschaft stieß, war man sogar im Titelrennen noch voll dabei. Coutinho integrierte sich überraschend schnell, erzielte bereits in seinem zweiten Spiel sein erstes Tor und gab der Mannschaft noch einmal einen Qualitätsschub.

Philippe Coutinho: Der Hallenfußballer

In England lernte Coutinho, dass es auf Spitzenniveau auch die nötige Robustheit braucht. (Foto: Ruaraidh Gillies/Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Unter Rodgers verspürte er endlich das Vertrauen, das ihm zu Inter-Zeiten noch gefehlt hatte. Gemeinsam mit Jungspund Raheem Sterling, Luis Suarez und Daniel Sturridge bildete er ein gefürchtetes Angriffsquartett. Bis zum letzten Spieltag hin hatte man die Meisterschaft in der eigenen Hand, eine 0:2-Pleite gegen Chelsea machte jedoch Manchester City zum Meister. Für die Fans schmerzhaft, den Werdegang Coutinhos sollte auch dies aber keinen Abbruch tun. Zwar hatte Liverpool den ersten Meistertitel seit 24 Jahren um ein Haar verpasst, die Vizemeisterschaft hatte jedoch die erste Qualifikation für die Champions League seit fünf Jahren zur Folge.
Im Sommer wechselte mit Premier-League-Torschützenkönig Suarez ein absoluter Eckpfeiler des Liverpool-Gerüsts in Richtung Barcelona. In der Folgesaison schaffte man es sicher auch deshalb nicht an die starken Leistungen der Vorsaison anzuknüpfen. Am wenigsten Schuld daran hatte Coutinho, der endgültig aufblühte und sich zu einem der besten Spieler der Premier League entwickelte. Tabellenplatz 6 und das Vorrunden-Aus in der Champions League spiegelten nämlich nicht die Leistungen Coutinhos wieder. Er wurde in das Premier-League-Team der Saison gewählt und auf der Insel war man sich einig, dass Liverpool ein Glücksgriff gelungen ist. Neben seiner überragenden Schusstechnik, seiner exzellenten Ballführung und dem Auge für den besser postierten Mitspieler bringt Coutinho Regisseur-Fähigkeiten mit, die jedem Verein der Welt gut zu Gesicht stehen würden. Auch deshalb erarbeitete er sich bald den Namen als „kleiner Magier“.

„Ich lebe meinen Traum!“
Philippe Coutinho nach seinem Wechsel zum FC Barcelona

Nach einem enttäuschenden Saisonstart in der Saison 2015/16 wurde Rodgers nach zehn Spieltagen entlassen. Sein Nachfolger wurde Jürgen Klopp. Mit ihm kehrte das Spektakel, nicht aber der Erfolg nach Anfield zurück. Auch Klopp hatte von Anfang an einen Lieblingsschüler: Philippe Coutinho. „Wenn ich seine Schusstechnik hätte, würde ich die ganze Zeit nur schießen“, so der Ex-Dortmund-Trainer. Auch unter dem Deutschen überzeugte Coutinho mit überragenden Leistungen und passte sich exzellent an das pressingintensive System an. Jedoch ist es, Stand heute, auch Klopp nicht gelungen, einen Titel an die Anfield Road zu holen. Liverpool spielt meist gut, aber oft zu wenig effektiv. Gründe, die Coutinho bereits im Sommer über einen Wechsel nachdenken ließen. Mit Biegen und Brechen konnte dieser aus Liverpooler Sicht noch verhindert werden. Ein Halbjahr später war es aber so weit und Coutinho brach seine Zelte, nach einer bis von Verletzungen geprägten Hinserie, in Liverpool ab und schloss sich dem FC Barcelona an.

„Ich lebe meinen Traum. Es ist unglaublich jetzt mit Idolen wie Messi, Suarez, Iniesta, Piquè oder Busquets zusammenzuspielen“ erklärte Coutinho seinen Wechsel bei seiner Vorstellung. Jürgen Klopp wiederum ist sich sicher: „Ich bin jetzt überzeugt, dass wir nichts in unserer Macht stehende hätten tun können, um seine Meinung zu ändern. So enttäuscht wir sind, müssen wir ihm schweren Herzens alles Gute wünschen. Es ist sein Traum“. Einen Traum, den Coutinho nun leben darf.