Über die Kolumne

Im Sommer 2016 startete Patrick Egger als Außenverteidiger eines Südtiroler Amateurvereins in die neue Saison. Ein Jahr später hatte er „seinen“ SV Ulten zum Meistertitel und dem Aufstieg in die 1. Amateurliga geführt, nachdem er die Mannschaft sieben Spieltage vor Saisonende als Trainer übernommen hatte. Mittlerweile trainiert der 28-Jährige den SC St. Pankraz, einen Verein aus der 3. Amateurliga, der niedrigsten italienischen Spielklasse. Hier, in seiner Kolumne „Hart, härter, Amateurtrainer“, erzählt er uns von den Freuden und Problemen eines Amateurtrainers.

Teil 10

Aus meiner Sicht standen uns am 5. und 6. Spieltag die zwei schwierigsten Aufgaben der Hinrunde bevor. Zunächst einmal ging es gegen den letztjährigen Absteiger aus der 2. Amateurliga, den wir mit dem SV Ulten in der Rückrunde 2017 knapp mit 3:1 besiegen konnten. Diese Mannschaft war meiner Meinung nach Aufstiegsfavorit Nummer eins. Trotzdem glaubte ich daran, etwas Zählbares aus diesem Spiel mitnehmen zu können.
Ich kannte den Gegner vom damaligen Match noch ziemlich gut. Ihr Spiel steht und fällt mit einem Mann im defensiven Mittelfeld, der traumhafte Bälle in die Spitze spielen kann. Mit dem SV Ulten haben wir diesem Spieler in der ersten Hälfte viel zu viel Platz gelassen. Nach einem 1:1-Unentschieden zur Pause stellten wir von einem 4-1-4-1 auf ein 4-2-3-1 um, wodurch unser Zehner den Aktionsradius dieses Spielers entscheidend einschränken konnte. Durch diese Umstellung zwangen wir den Gegner, vermehrt mit langen Bällen zu spielen, die bei unserer Abwehr bestens aufgehoben waren. Dadurch übernahmen wir die Spielkontrolle und gewannen letztlich mit 3:1. Mit dem ASC St. Pankraz hatte ich nun genau dasselbe im Sinn. Da ich jedoch unbedingt mit zwei Spitzen spielen wollte, stellte ich auf ein 3-5-2-System um. In der Theorie klang das gar nicht so schlecht, die Praxis sah jedoch ganz anders aus.

Wenn man die Grundtugenden nicht auf den Platz bringt, braucht man über das Spielsystem gar nicht zu reden.

Es waren gerade einmal vier Minuten gespielt, als wir schon mit 0:2 in Rückstand lagen. Wir waren weder geistig noch körperlich anwesend und ich fragte mich, aus welchem Grund bestimmte Spieler überhaupt auf dem Platz standen. Erschwerend kam hinzu, dass man mit jeder Spielaktion sah, wie unser Selbstvertrauen zunehmend schwand. Nach zwanzig Minuten schickte ich zwei Leute zum Aufwärmen, doch ehe ich sie einwechseln konnte, stand es schon 0:3. Anders als im Vorfeld der Partie besprochen, dass jeder für seine Mitspieler laufen und kämpfen sollte, brachte es unser Betreuer mit einer mehr als treffenden Aussage während der ersten Hälfte auf den Punkt: „Wir brauchen nicht darüber zu reden, dass irgendjemand für seine Mitspieler läuft. Es läuft ja nicht einmal jeder für sich selbst.“ Nachdem wir kurz vor der Halbzeitpause sogar das 0:4 hinnehmen mussten, wurde ich in der Kabine richtig laut.
Dem Spielsystem die Schuld zu geben, wäre in dieser Situation geradezu lächerlich gewesen, denn wenn man die Grundtugenden des Fußballs nicht auf den Platz bringt, braucht man nicht über das System zu reden. Ich stellte es der Mannschaft frei, das Spielsystem eigenhändig umzustellen, ich wollte jedenfalls eine ganz andere Mannschaft sehen und verließ nach fünf Minuten wutentbrannt die Kabine. Wirklich besser wurde es nach der Pause auch nicht, sodass wir letzten Endes mit 0:7 unter die Räder kamen. Ich machte mir übers Wochenende extrem viele Gedanken, was ich der Mannschaft am Dienstag sagen sollte.
Beim Dienstagtraining machten wir in etwa denselben Schwur wie damals beim SV Ulten und versprachen uns gegenseitig, es nie wieder so weit kommen zu lassen und eine derart schlechte Einstellung auf den Platz zu bringen. Zudem verlangte ich von jedem einzelnen Spieler, bereits mit einer anderen Einstellung zu trainieren und diese dann am Wochenende auf den Platz zu bringen. Am Dienstag trainierten wir dann gar nicht so schlecht. Als wir am Donnerstag dann auch bei der knappen 2:4-Niederlage im Testspiel gegen den höherklassigen SV Ulten gut mithielten, war ich guter Dinge. Am Wochenende sollte es nach dieser Klatsche wieder aufwärts gehen.

Ich wollte der Mannschaft helfen und stellte mich selbst im Angriff auf. Nach dem 0:5 wechselte ich mich aus.

Allerdings wartete auf uns eine Mannschaft, die im letzten Jahr erst in den Entscheidungsspielen am Aufstieg gescheitert war. Nachdem ich bereits beim Freundschaftsspiel von Beginn an aufgelaufen war, stellte ich mich am Samstag im Sturm auf, Ich hoffte, der Mannschaft auf dem Platz weiterhelfen zu können. Wir begannen nicht schlecht, mussten nach 25 Minuten jedoch das erste Gegentor hinnehmen. Dieses Tor war unser Genickbruch. Ich selbst spürte, wie mein Selbstvertrauen auf einmal komplett weg war. Wir legten dem Gegner praktisch die Tore auf. Mit 0:3 ging es in die Pause. Nach zwei weiteren Gegentoren in Durchgang zwei wechselte ich mich aus und kauerte wie ein Häufchen Elend neben der Auswechselbank. Durch zwei weitere Gegentore in der Schlussphase waren wir exakt am selben Punkt wie eine Woche zuvor angelangt: 0:7.
Bereits während des Spiels gingen mir extrem viele Gedanken durch den Kopf. Nach dem Schlusspfiff war es noch schlimmer. Wusste ich nach dem katastrophalen Spiel ohne Herz und Leidenschaft in der Vorwoche noch, woran es gelegen hatte, war ich dieses Mal einfach nur ratlos. Und dieses Gefühl der Ratlosigkeit ist das Schlimmste, was einem als Trainer passieren kann. Man konnte der Mannschaft nicht einmal vorwerfen, dass sie nicht wollte. Doch ohne einen Hauch von Selbstvertrauen waren wir absolut chancenlos. Unmittelbar nach Spielende dachte ich daran, alles hinzuschmeißen. Und zwar nicht, weil ich keine Lust mehr auf die Mannschaft hatte, sondern weil ich mich außerstande fühlte, die Mannschaft am Dienstag zu trainieren. Ich fühlte mich schlicht und einfach „handlungsunfähig“. Ich wusste beim besten Willen nicht, wie es weitergehen soll…