Eine Zwischenbilanz aus der 5. italienischen Liga

Es ist Halbzeit in Fußball-Südtirol. Scarico nimmt alle Fußballligen unter die Lupe und sagt euch, wie es für die Teams gelaufen ist. Liegen die Favoriten vorne oder gibt es Überraschungs-Herbstmeister? Wer sind die Top’s und wer die Flop’s?

Den Anfang der Serie hat die 3. Amateurliga gemacht, die sich bereits Anfang November in die Winterpause verabschiedete. Nach der 2. Amateurliga und der 1. Amateurliga, war die Landesliga an der Reihe. Jetzt sagt euch Scarico, wie es in der höchsten Amateur-Fußballliga aussieht. Denn wer aus der Oberliga aufsteigt, spielt schon in der viertklassigen Serie D – ein gewaltiger Sprung. Nicht jeder ist bereit dazu. Trotzdem haben zwei Südtiroler Mannschaften den Titel angepeilt.

Oberliga: Zweikampf um die Krone

Verbissener Kampf um den Titel: Thomas Piffrader und Lukas Aichner von St. Georgen, gegen Virtus-Bozen-Abwehrhühne Andj Kicaj (in weiß).

Virtus Bozen ist Herbstmeister

So spannend wie in der Landesliga ist der Titelkampf in der Oberliga nicht. Doch auch in der höchsten regionalen Spielklasse gibt es keinen Alleingang einer Mannschaft. Auch wenn es der Fünf-Punkte-Vorsprung von Virtus Bozen auf den ersten Blick vermuten lässt.
Schaut man etwas genauer hin, wird schnell klar, dass Verfolger St. Georgen ein Spiel weniger auf dem Buckel hat. Der Grund: Das Match gegen Calciochiese musste abgesagt werden. Es wird am 28. Jänner 2018 nachgeholt. Sollte St. Georgen dieses Spiel gewinnen, dann würde die Mannschaft von Trainer Patrizio Morini den Rückstand auf die Bozner auf zwei Punkte verkürzen. Verlieren die Pusterer das Nachholspiel, hat Virtus Bozen alle Trümpfe in der Hand. Eines ist klar: beide Teams wollen nach oben.
Nach dem Serie-D-Abstieg gab es bei Virtus Bozen einen Total-Umbruch. Der Großteil der Nicht-Südtiroler verließ den Verein, es kam ein neuer Trainer und eine Menge neuer Spieler. Trotzdem war der Start in die neue Saison ordentlich. Alfredo Sebastiani, der unter Giuseppe Sannino bei Watford in der zweiten englischen Liga gecoacht hatte, gab der Mannschaft ein klares Spielsystem mit auf den Weg. Virtus Bozen spielt die technisch feinste Klinge der Liga. Dass man es in der Südtiroler Landeshauptstadt ernst meint, zeigt die Dezember-Verpflichtung von Niels-Peter Mørck. Der 27-jährige Däne war zuletzt bei Wattens in Einsatz und ist ein Luxus für die Oberliga.
Virtus hat eine starke Halbserie hinter sich, das zeigt auch ein Blick auf die Statistiken. 41 Punkte, bester Angriff (41 Tore) und zusammen mit St. Georgen und Calciochiese die beste Abwehr (12 Gegentore). Starke Werte, die am Ende für den Titel reichen könnten.
In St. Georgen hadert man hingegen immer noch mit der Verletzung von Mittelfeld-Ass Martin Ritsch. Dieser fällt mit einem Kreuzbandriss lange aus und wurde durch den Spanier Lucena Gonzales ersetzt. Noch nicht richtig in Schwung ist Königstransfer Matthias Bacher gekommen. Der Ex-Naturnser hat zwar neunmal getroffen, doch an die überragenden Quoten bei den Untervinschgern konnte er nicht anschließen (81 Tore in 109 Spielen).

Nur vier Teams jenseits von Gut und Böse

Die Oberliga ist traditionell eine Meisterschaft, wo sich nur wenige Teams sicher sein können, nicht abzusteigen. Das is auch heuer so. Sieht man vom Spitzenduo ab, gibt es nur vier Mannschaften die auf der sicheren Seite sind. Neben Aufsteiger St. Pauls sind das drei Teams aus dem Trentino: Lavis, Calciochiese und Anaune Val di Non. Calciochiese und St. Pauls bauen auf eine sattelfeste Defensive, haben aber im Angriff Probleme. Bei den Blauen aus dem Überetsch mag man sich gar nicht ausmalen, wie es ohne Jonas Clementi aussehen würde. Der Stürmer hat nämlich 10 von 19 St. Pauls-Toren erzielt. Lavis kann auf das torfgefährliche Duo Nicola Donati/Joao Loyola (7 und 8 Tore) zählen und Anaune Val di Non ist das einzige Team, das St. Georgen geschlagen hat.

Oberliga: Zweikampf um die Krone

Nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch in der Tabelle eng beeinander: Tramin-Allrounder Stefan Rellich und Marco Baggio von St. Martin (in blau).

Hinter diesem Quartett folgen mit Tramin (22 Punkte), Comano (21) und St. Martin (20) drei Mannschaften, die im Moment im gesichterten Tabellenmittelfeld stehen. Der Abstand zur Abstiegszone ist aber zu gering, um von einer ruhigen Rückrunde zu sprechen. Vor allem in Tramin hatte man sich mehr erwartet. Dann verletzten sich mehrere Leistungsträger und das Übel nahm seinen Lauf. Geht es in der Rückrunde nicht drunter und drüber, wird Tramin seinen Tabellenplatz aber mindestens halten können – wenn nicht verbessern. Für St. Martin gilt das nicht. Die Passeierer dürften mit der Leistung unter Neu-Trainer Roberto Pignatelli zufrieden sein. Dasselbe gilt für Comano – trotz der drittschwächsten Defensive der Liga (30 Gegentore).

Der Abstiegskampf ist das Sahnehäubchen

Der Kampf um den Klassenerhalt ist heuer eine Wucht. Das muss man so sagen, denn mit dem Bozner FC und Obermais hängen der Zweit- und der Drittplatzierte aus dem Vorjahr unten drin. Vor allem für den Vizemeister aus Bozen sieht es düster aus. Die Abgänge von Goalgetter Bertoldi (er traf in vier Jahren bei den Orangen 90-mal) und Abwehrchef Bernardo Ceravolo konnten nicht kompensiert werden. Die Quittung kam prompt: nur 8 Hinrunden-Punkte, Tabellenende. Das größte Problem von Trainer Fabio Ianeselli (er kam im Sommer für Flavio Toccoli) ist der harmlose Angriff. Nur 12-mal konnten Emmanuele Bocchio & Co. einnetzen. Hier muss im Winter aufgerüstet werden, ansonsten ist der Klassenerhalt nicht drin.
Ein paar Kilometer weiter nördlich erinnert viel an die Saison 2012/13. Damals ging Obermais nach einer starken Saison mit hohen Ambitionen in die Spielzeit und stieg trotz eines Bomben-Kaders nach einer Katastrophen-Saison ab. Damit das heuer nicht passiert, müssen die Leistungsträger in der Rückrunde endlich fit sein. Die Personaldecke ist bei den Meranern nämlich dünn – sogar Co-Trainer Christian Rainer gab sein Comeback. Im Ahrntal macht man sich weniger Sorgen. Zwar sind die 12 Punkte aus der Hinrunde kein Meisterwerk und man hatte sich mehr erwartet, doch in den letzten Jahren war es auch nicht anders. Am Ende blieb der nördlichste Oberligist Italiens stets in der Liga – auch heuer.

Oberliga: Zweikampf um die Krone

Zwei Sorgenkinder unter sich: Emmanuele Bocchio vom Bozner FC und Naturns-Neuzugang Andreas Nicoletti (in weiß).

Für Naturns könnte die Sache anders ausgehen. Die Untervinschger haben die Abgänge von Bacher und Tormann Felix Piazzo unterschätzt. Ihre Ersatzmänner Martin Gander (er kam mit der Empfehlung von 23 Toren aus der 2. Amateurliga von Prad) und Alex Soffiatti haben die Ligatauglichkeit bisher nur bedingt unter Beweis gestellt. Weil sich auch der junge Andreas Nicoletti (im Vorjahr 18 Tore bei Lana) schwer tut, fehlt es offensiv an Durchschlagskraft. Reibereien innerhalb des Teams (der talentierte, aber eigenwillige Toptorjäger Martin Blaas wechselte während der Saison zu Meran) und Verletzungen tun ihr Übriges dazu. Es bleibt abzuwarten, ob Trainer Gustav Grünfelder die Saison als SSV-Coach beendet. Schon im Herbst hatte es Diskussionen gegeben, der eine oder andere Trainerkandidat hat schon an die gelb-blaue Vereinstür geklopft.
Komplettiert wird die Abstiegszone von Arco, Brixen und Benacense. Vor allem Brixen ist ein Mysterium. Die Domstädter haben unter Trainer Klaus Schuster den drittbesten Angriff der Liga, doch die Abwehr ist nicht der Rede wert. Mit 49 Gegentoren hat Brixen um 15 Treffer mehr kassiert, als die zweitschlechteste Defensive. Das ist jene von Benacense (34 Gegentore). Hier muss schnell etwas passieren, denn die Rückkehr von Stammkeeper Matthias Siller ist wohl zu wenig.

Wer sind die Überraschungen?

Die Aufsteiger St. Pauls und Anaune Val di Non spielen eine herausragende Saison. Bei beiden wusste man vor der Saison, dass sie stark genug sind, um die Klasse locker zu halten. Vor allem die Nonstaler überzeugen mit hervorragendem Fußball, der 34-jährige Filippo Moratti ist einer der interessantesten Trainer der Liga. Auch der Aufsteiger der Saison kommt aus Cles: Nicolò Bisarco. Der 1999 geborene Stürmer ist der beste Jugendspieler der Liga und zeigt, dass er auch ohne Mastermind Davide Panizza erfolgreich sein kann. In der Hinrunde traf Bisarco neunmal. St. Pauls hat einen gigantischen Start in die neue Saison hingelegt. Zuletzt kamen Stefan Gasser und seine Schützlinge etwas ins Straucheln und es gab vier Niederlagen in Folge. Auch Lavis hat in der Hinrunde alle überrascht. Als Abstiegskandidat in die Saison gestartet, steht man auf Platz 3.

Wer sind die Enttäuschungen?

Obermais, Bozner FC und Naturns. Während die letzteren zwei schwerwiegende Abgänge verkraften müssen, hat Obermais auf dem Papier den stärkeren Kader als im Vorjahr zur Verfügung. Ganz zu erklären ist der Absturz nicht, auch wenn die Verletzungsmisere natürlich nicht ohne Spuren an den Blau-Weißen vorübergegangen ist. Trotz der schwachen Hinserie: Obermais ist für einen Top-8-Platz gut. Läuft es im Frühjahr von Anfang an besser, hat die Mannschaft von Trainer Martin Klotzner mit dem Abstiegs nichts zu tun.
Anders sieht es bei den nächsten zwei Klubs aus. Den Bubi-Truppen aus Naturns und Bozen würden ein, zwei erfahrene Spieler gut tun. Nur mit Jugendspielern ist es in der Oberliga schwer, auch wenn diese zweifelsfrei talentiert sind. Zudem fehlt beiden Mannschaften ein Torjäger. Im Winter einen zu finden, dürfte schwer – aber nicht unmöglich – sein. Von Ahrntal durfte man sich ebenfalls mehr erwarten. Immerhin schaut der Kader unter Coach Martin Wachtler deutlich besser aus, als in den vergangenen Jahren. Bei Brixen sind die Nachwirkungen des misslungenen „Projekt Sebastiani“ deutlich zu spüren. Es ist zu hoffen, dass es für die Blau-Weißen noch einigermaßen glimpflich ausgeht.

Der Spieler der Hinrunde

Luca Consalvo, SSV Brixen

Was wäre Brixen ohne Luca Consalvo? Der Stürmer hat in der Hinrunde nicht nur 15-mal getroffen, er ist auch Dreh- und Angelpunkt im Brixner Spiel. Fällt er aus, wird es für die Domstädter sehr schwer. Eine Rettung ist dann kaum möglich.

Fotos: Dieter Runggaldier