Warum sich der deutsche Fußball wieder auf seine Stärken besinnen muss um nicht den Anschluss zu verlieren

Man schreibt den 22. Mai 2010. Der italienische Spitzenklub Inter gewinnt unter der Führung des portugiesischen Startrainers José Mourinho zum dritten Mal die Champions League und schlägt in einem einseitigen Finale den deutschen Rekordmeister Bayern München mit 2:0. Nur ein Jahr später stehen sich die beiden Klubs im Achtelfinale der Königsklasse erneut gegenüber, wieder gehen die Mailänder als Sieger hervor. Dies sollte, Stand heute, das letzte Mal gewesen sein, dass sich die beiden Vereine auf höchster europäischer Bühne gegenüberstehen.

Während die Bayern in den Folgejahren von Titel zu Titel eilen, wurde es um den renommierten Mailänder Großklub leiser. So steht die Entwicklung dieser beiden Vereine auch sinnbildlich für die Entwicklung der jeweiligen Liga. Während die deutsche Bundesliga in den letzten Jahren enorm an Attraktivität gewann, wurde die Serie A häufig als Auslaufmodell bezeichnet – ohne Zukunftsperspektive. Angekommen im Oktober 2017 sieht die Welt schon wieder ein klein wenig anders aus. Während die Serie-A-Klubs wieder stark im Kommen sind, ist das Konstrukt Bundesliga Kritik ausgesetzt.

No money, no party?

Die deutsche U21 bei der Europameisterschaft 2017: Viele Talente, doch den großen Durchbruch schafften bis jetzt wenige von ihnen.

Kann man einen Fiat mit einem Ferrari vergleichen?

Es ist kein Geheimnis, dass die deutsche Fußball-Mentalität eine ordentliche Portion an Selbstvertrauen mit sich bringt. Die schönsten Stadien, die besten Fans, die vielversprechendsten Talente der Welt – all das wurde der Bundesliga in den letzten Jahren nachgesagt. Rund um den Erdball wurde die Entwicklung des deutschen Fußballs gelobt und als Vorbild hergenommen, wenn es darum ging die Frage zu beantworten, wie man sich die fußballerische Entwicklung im eigenen Land vorstellt. Aktuell zeichnet sich jedoch ein anderes Bild: Ausbleibender Erfolg im internationalen Geschäft, wenig Anziehungskraft für Weltstars und eine Menge an Talenten, denen der absolute Durchbruch seit Jahren verwehrt bleibt. Der Aufstieg der Bundesliga scheint für das Erste gestoppt. Dass ausgerechnet jetzt, in der ohnehin schon schwierigen Gesamtsituation, auch noch das Monopol aus München gehörig ins Wanken kommt passt perfekt ins Bild. Die Gründe dafür sind vielschichtig, doch an der Spitze thront ein Argument, das alle anderen in den Schatten stellt: das Geld.

Die deutsche Mentalität bringt eine ordentliche Portion Selbstvertrauen mit: die schönsten Stadien, die besten Fans, die größten Talente.

Der FC Bayern München hat den Anspruch zu den besten Klubmannschaften Europas zu gehören und jedes Jahr ein gehöriges Wort mitzureden, wenn es um die Champions-League-Krone geht. Um dies zu tun, müssen sich die Münchner jedes Jahr internationalen Größen wie Real Madrid, Paris St. Germain oder dem FC Barcelona stellen. Vereine, die Unsummen investieren, um den Erfolg auf nationaler, sowie internationaler Ebene zu gewährleisten. Die Bayern versuchen es mit anderen Mitteln wie Kontinuität, einer gesunden Bilanz und dem alles überstrahlenden „Mia san mia“-Gefühl. Das behaupten zumindest die Klub-Bosse Karl Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß. Es mag sein, dass der deutsche Rekordmeister nicht so viel Geld in die Hand nimmt wie andere Vereine, aber auch die Bayern haben in den letzten Jahren Millionen investiert – und damit nicht selten auch die nationale Konkurrenz geschwächt.
Das mag bisweilen gut funktioniert haben, aber ob dies langfristig die richtige Transferstrategie ist, darf bezweifelt werden. In der Bundesliga war man bisher konkurrenzlos, bis auf die Duelle mit Dortmund fehlen die Spiele auf absolut höchstem Niveau. Es ist noch früh in der Saison, aber dem großen Zampano der deutschen Bundesliga werden so geringe Chancen auf den Henkelpott gegeben, wie schon lange nicht mehr. So steht der FC Bayern sinnbildlich für die aktuelle Entwicklung der Bundesliga, bei der momentan eine Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft. Man will weniger investieren als die Konkurrenz und gleichzeitig trotzdem auf dem Level wie die europäischen Topklubs bleiben. Ein unmögliches Unterfangen und gleichzeitig ein Irrglaube, denn die Bundesliga zieht längst keine internationalen Topstars mehr an.

No money, no Party?

Eines der großen Talente, die den Durchbruch bis jetzt nicht geschafft haben: Davie Selke, Ex-Bremen und Leipzig, mittlerweile bei Hertha BSC.

Nachwuchsarbeit 2.0

Um mit dem aktuellen Markt im Fußballgeschäft Schritt halten zu können, braucht es vor allem eines: Berge von Geld. Sind diese finanzielle Mittel nicht gegeben, oder erhebt ein Verein für sich den Anspruch ein gesund wirtschaftendes Unternehmen zu sein, so hat man beim aktuellen Stand der Dinge nur eine Möglichkeit: Man setzt auf den eigenen Nachwuchs. Es muss gelingen Spieler zu entwickeln, deren Fähigkeiten anderen Vereinen zu einem späteren Zeitpunkt viel Geld wert ist. Diese Talente sind rar gesät, doch mit akribischer und nachhaltiger Jugendarbeit schaffen es einige Klubs trotzdem immer wieder solche Spieler zu entwickeln. Es ist kein Zufall, dass es einigen Vereinen immer wieder gelingt Nachwuchstalente zu Stars zu formen, während bei anderen Klubs die eigenen Nachwuchsspieler auf der Strecke bleiben. Genau hier liegt eine große Stärke der Bundesliga: Die meisten Vereine haben es geschafft ihren Nachwuchs so zu fördern, dass der gesamte Verein davon profitiert. Borussia Dortmund, Schalke 04 oder Freiburg sind gute Beispiele dafür. Bayern München gehört hingegen nicht dazu.

Deutschland sollte sich auf die eigenen Stärken konzentrieren, denn der Finanzkraft der Scheichklubs ist man nicht gewachsen.

Aber auch in Deutschland hat die Durchlässigkeit von den Nachwuchsteams zu den Profis nachgelassen. Warum? Sind die Klubs einfach einer Zeitspanne ausgesetzt in der große Talente Mangelware sind? Eine ziemlich simple Theorie, findet auch der Leiter des im August neu eröffneten Nachwuchszentrums des FC Bayern, David Niedermeier. Er ließ mit hochbrisanten Aussagen bezüglich der Nachwuchsarbeit im deutschen Fußball aufhorchen und übte vor allem an der Nachwuchsarbeit des deutschen Rekordmeisters scharfe Kritik. Laut Niedermeier fehle es vielen Talenteschmieden an Know How, um die Jugendlichen ideal auf eine Karriere als Profifußballer vorzubereiten. Dabei spielt er vor allem auf seinen FC Bayern an, der im Vergleich zu den sogenannten Ausbildungsklubs, von denen einige durchaus in der Liga etabliert sind, meilenweit hinterherhinkt. Bisher hat man es geschafft durch gezielte Investitionen mit den Superreichen in Europa mitzuhalten. Doch mittlerweile gibt es Klubs, denen auch die Finanzkraft des FC Bayern nicht mehr gewachsen ist. So muss zwangsläufig die eigene Nachwuchsarbeit intensiviert werden um international konkurrenzfähig zu bleiben. Hier ist der deutsche Rekordmeister kein Vorreiter, sondern ein Nachzügler. Zu guter Letzt wird es nämlich auf absehbarer Zeit immer der FC Bayern München sein, der auf internationaler Ebene die deutschen Fahnen hochhalten muss.
Eines sollte man aber auch in München nicht vergessen. Das Wiedererstarken der Bundesliga und der deutschen Nationalelf hatte damit zu tun, dass man sich auf die eigenen Stärken besann. Genau darauf sollten sich die deutschen Klubs auch in Zukunft konzentrieren. Denn eines scheint fix: Will man sich mit der internationalen Konkurrenz auf Augenhöhe messen, dann muss man sich mit anderen Mitteln als Geld in diese Position bringen. Gegen die finanzielle Übermacht von asiatischen Investoren, Scheichs oder Ol-Milliardären ist auf Dauer kein Kraut gewachsen.

Alle Fotos: Sven Mandel, Lizenz: CC-BY-SA 4.0