Ist Nabil Fekir das nächste große Ding im europäischen Klubfußball?

Nabil Fekir galt als eines der vielversprechendsten Talente Frankreichs. Auf dem Weg zur Weltklasse, warf ihn eine schwere Verletzung weit zurück. Mittlerweile läuft es für den 24-jährigen Franzosen wieder blendend, doch mit seinem Trikot-Jubel im Derby gegen St. Etienne hat er für einen Skandal gesorgt. Was macht den Sohn algerischer Eltern so besonders?

Algerien ist eines der gläubigsten Länder der Welt. Der arabische Einfluss und die islamische Religion dominieren das Geschehen im nördlichsten Land Afrikas. Nabil Fekir ist zwar im französischen Lyon geboren und aufgewachsen, den starken Glauben von seinen algerischen Eltern hat er allerdings übernommen. Dieser mag ihn auf dem Spielfeld zwar nur bedingt weiterbringen, allerdings hat er dadurch den wichtigsten Glauben nicht verloren: Jenen an sich selbst.

Ein Kreuzbandriss und das Warten auf den Durchbruch

Olympique Lyon hat es wohl einzig und allein einem Kreuzbandriss zu verdanken, dass Nabil Fekir die Schuhe noch für den Verein aus der Auvergne-Rhône-Alpes-Region schnürt. Fekir, der bereits den Großteil seiner Ausbildung in der Jugend von Lyon absolvierte, kam mit 12 Jahren zum Verein. Nach zwei Jahren wechselte er zwar zu FC Vaulx-en-Velin, einem seiner Ex-Klubs, kehrte aber nach einem weiteren Intermezzo bei AS Saint-Priest vier Jahre später nach Lyon zurück. 2013 rückte Fekir in den Profikader von Olympique und konnte sich auf Anhieb etablieren. Ein Jahr später zeigte Fekir, welches Potential in ihm schlummert. Gemeinsam mit seinem kongenialen Sturmpartner Alexandre Lacazette spielte er die gegnerischen Abwehrreihen schwindelig. Am Ende der Saison standen 15 Tore und 13 Vorlagen zu Buche. Weil Lacazette die Liga mit 27 Treffern im Alleingang zerschoss, ging die Leistung von Fekir etwas unter. Den Scouts blieb der junge Stürmer aber nicht verborgen und es war klar, dass sich Fekir unter dem Radar der europäischen Topklubs steht. Vor allem Barcelona wurde großes Interesse nachgesagt. Doch Fekir hatte ein großes Ziel vor Augen: die Europameisterschaft zuhause in Frankreich.
Fekir ist algerisch-französischer Doppelstaatsbürger, hatte sich im März 2015 allerdings für Frankreich entschieden. Hauptgrund für diese Entscheidung war die damals vor der Tür stehende Europameisterschaft im eigenen Land. Die Chancen im französischen EM-Kader zu stehen, standen auch gar nicht schlecht. Am 26. März debütierte er bei der 1:3-Niederlage gegen Brasilien für die A-Nationalmannschaft. Seinen ersten Treffer für Les Bleus erzielte er drei Monate später gegen Belgien. Frankreich verlor dennoch mit 3:4. Als die Karriere des damals 22-jährigen so richtig im Aufwind war, kam der Rückschlag.
Im Meisterschaftsspiel gegen Caen spielte er groß auf, verbuchte einen Hattrick und lag kurz vor Spielende verletzt am Boden. Diagnose, Kreuzbandriss. Ein Schock, denn schwere Verletzung sorgte nicht nur für eine lange Zwangspause, sondern auch das Ende seiner EM-Träume. Ein schwerer Schlag. Nach acht Monaten Reha konnte er sechs Spieltage vor Saisonschluss zwar wieder ins Meisterschafts-Geschehen eingreifen, der EM-Zug war aber längst abgefahren.

Der harte Weg zurück

Fekir versuchte die Enttäuschung über die verpasste EM wegzustecken und mit neuem Mut die Form alter Tage wiederzufinden. Auch Lyon hatte nicht vergessen, was der Spieler kann und schenkte ihm das volle Vertrauen. Auf dem Transfermarkt hielt man sich bewusst zurück, Nachwuchstalente wie Maxwell Cornet oder Corentin Tolisso bekamen eine Chance. Die Strategie sollte aufgehen, man beendete die Saison als guter Vierter. Fekir verbuchte dabei wettbewerbsübergreifend 13 Tore und 11 Vorlagen verbuchen. Ziemlich gute Werte, bei seiner Vorgeschichte.

Nabil Fekir: Der Zwergen-Messi

Nach dem Kreuzbandriss arbeitete Fekir hart an seiner Rückkehr. Jetzt ist er wieder auf Topniveau. (Foto: Thomas Fabre/Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Zwar blieb Fekir in dieser Saison von größeren Verletzungen verschont, musste sich aber immer wieder mit kleineren Wehwehchen herumplagen. Die Nachwirkungen der Kreuzband-Verletzung. Dies führte dazu, dass seine Statistiken zwar gut waren, aber die Form vergangener Tage war weg. Eine Tatsache, die Fekir zum nachdenken brachte. Während andere Fußballer in der Sommerpause im Urlaub entspannten, nutzte Fekir die Zeit um sich auf die neue Saison vorzubereiten: „Während meines Urlaubs habe ich hart gearbeitet. Das ist mein Job, mein Leben. Mein dringlicher Wunsch, die Zeit aufzuholen, die ich durch meine schwere Verletzung verloren hatte, mag da auch eine Rolle spielen.“
Es zahlte sich aus. Durch die Abgänge von Lacazette, Tolisso oder Maxime Gonalons übernahm Fekir im Sommer die Kapitänsbinde und zeigt seitdem, dass er ein Anführer ist. Einer dem die ganze Mannschaft folgt, auch sportlich. Er ist nicht nur der Dreh- und Angelpunkt der OL-Offensive, sondern sicherlich auch der Hauptverantwortliche des besten Saisonstarts Lyons seit fünf Jahren. Elfmal hat Fekir bereits getroffen und zeigt, dass er sein außergewöhnliches Talent mit harter Arbeit verknüpft hat. Vor der Saison hatte er angekündigt, dass er den Unterschied ausmachen werden. Er lässt Taten folgen, das spricht für sich. Fekir ist auch ein Fußballer mit Weltklasse-Potenzial. Aber er ist auch ein Selbstdarsteller und einer, der gerne polarisiert. Das stellte er in St. Etienne unter Beweis.

Ein Pornodarsteller auf dem Fußballplatz

Wenn Olympique Lyon und AS Saint-Étienne aufeinandertreffen, dann schrillen bei der französischen Polizei die Alarmglocken. Es ist das heißeste Derby Frankreichs und noch viel mehr. Es ist die intime Feindschaft der beiden Fangruppen. Es ist der Kampf von Lyons bürgerlicher Oberklasse gegen das Arbeitervolk aus St. Etienne. Es ist ein Kampf der sozialen Schichten. In der Vergangenheit konnte Schlimmeres verhindert werden, doch im letzten Duell gab es einen Platzsturm. Die Schuld daran trägt Nabil Fekir.
Als ob die Schmach der Niederlage nicht genügen würde, stellte sich Fekir nach seinem Treffer zum 5:0 vor den Gästeblock und streckte den Grünen sein Trikot entgegen. Zu viel für die mitgereisten Fans von St. Etienne, die den Platz stürmten. Die Spieler flüchteten in die Kabinen, nur mit Mühe konnte ein Spielabbruch verhindert werden. Fekir, von seinem eigenen Trainer als „Depp“ bezeichnet, blieb in der Kabine.
Der Übeltäter, der bei Lyon die Nummer 18 trägt, war sich hingegen keiner Schuld bewusst und setzte noch einen drauf: „Das war kein Spaß. Ich wollte nur an das gesetzliche Mindestalter für einen Pornofilm erinnern, den ich mit meinem Tor gerade gedreht hatte“. Damit hat Fekir nicht nur den Sager des Jahres gelandet, sondern auch für einen ordentlichen Skandal gesorgt. Wenig später ruderte er zwar zurück, dennoch die Aktion hatte ein Nachspiel und er wurde gesperrt. Dabei hätte Fekir den ganzen Wahnsinn gar nicht nötig gehabt, war er doch Doppeltorschütze und Mann des Spiels. Doch das ist Fekir. Ein fußballerisches Genie, bei dem ab und zu der Wahnsinn aufblitzt. Dabei wollte er mit seinem Torjubel eigentlich nur den Mann nachahmen, mit dem er seit Jahren verglichen wird: Lionel Messi.

Lionel Messi und der ewige Vergleich

Zugegeben, ein fußballerischer Vergleich mit Lionel Messi ist schwierig und meist auch unberechtigt. Dennoch hat sich Fekir den Ruf erarbeitet, in seiner Spielweise starke Ähnlichkeiten mit dem fünfmaligen Weltfußballer zu haben. Sein französischer Nationalmannschaftskollege Laurent Koscielny meinte: „Nabil verfügt über große technische Fähigkeiten. Er erinnert mit seinen kleinen Schritten ein bisschen an Lionel Messi wenn er mit dem Ball in ein Eins-gegen-Eins-Duell geht“.
Eine Meinung mit der er nicht alleine dasteht. Auch Lyon-Präsident Jean-Michel Aulas bezeichnete Fekir bereits vor seiner großen Verletzung als „Messi des Vereins“. Eine Aussage, die er bis heute nicht bereue. Fekir selbst sieht sich zwar noch weit entfernt vom Level des Argentiniers, allerdings sagte er schon mal, dass ihm die Vergleiche sehr schmeicheln. So mag das Niveau Messis tatsächlich ein vollkommen anderes sein, für seinen Verein Olympique Lyon ist Fekir aber wertvoll wie nie zuvor. In 4-2-3-1-System von Trainer Bruno Genesio spielt Fekir hinter der einzigen Sturmspitze, als Zehner. In dieser bringt er nicht nur seine feine Tecknik und sein Auge für den Mitspieler perfekt ein, sondern glänzt auch mit gnadenloser Effektivität. Fekir verwertet 41 Prozent seiner Torchancen. Damit ist er der treffsicherste Franzose in den europäischen Topligen.
Jetzt, gut zwei Jahre nach seinem Kreuzbandriss, kann man sagen: Fekir hat die Form alter Tage wiedergefunden. Auch wenn er immer für einen Skandal gut ist, wird er die Karriereleiter hochklettern. Das nächste große Ziel heißt WM 2018 in Russland. Die Chance endlich das nachzuholen, was er ohne die Verletzung schon 2016 vorgehabt hätte: Dem Namen als Zwergen-Messi nicht nur für Lyon, sondern auch für Frankreich gerecht zu werden.