Bosnien, Luxemburg, Frankreich, Italien. Diese vier Länder haben Miralem Pjanic geprägt. Geboren im ehemaligen Jugoslawien, ist Pjanic in Luxemburg aufgewachsen. Bevor er in Italien bei der Roma den endgültigen Durchbruch schaffte, wurde er in Frankreich vom Jugendspieler zum Profi ausgebildet. Jetzt spielt Miralem Pjanic bei Juventus und hat mit 27 Jahren seine ersten Titel gewonnen.

1995 wurde die Angst vor dem Tod bittere Realität. Mitten in Tuzla, einer 120.000-Einwohner-Stadt im Osten des damaligen Jugoslawiens, explodierte eine Granate. 71, zu einem großen Teil junge Menschen die sich gerade in den Straßen der UNO-Schutzzone bewegten, wurden in den Tod gerissen. 173 weitere wurden zum Teil schwer verletzt. Der Granatenbeschuss, der als Massaker von Tuzla in die Kriegsgeschichte einging, war eine Reaktion auf die UN-Bombardierung von Waffenlagern der Republika Srpska.
Juventus-Profi Miralem Pjanic, der in Tuzla geboren wurde, lebte zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr in Jugoslawien. Sein Vater, ein Drittligaspieler bei Drina Zvornik, hatte aus Angst vor dem Krieg ein Angebot aus Luxemburg angenommen und war mit seiner Familie dorthin übersiedelt. Vom Fußball leben konnte die Familie in Luxemburg zwar nicht, aber immerhin sicherte der Sport das Bleiberecht. Vater Pjanic verdiente sich als Arbeiter einige Rappen dazu und auch Miralems Mutter musste arbeiten um sich über Wasser halten zu können.

Von Monnerich nach Metz

Im kleinsten der drei Benelux-Länder hat der kleine Miralem dann auch mit dem Fußball begonnen. Trat Pjanic anfänglich noch für den FC Monnerich gegen den Ball, wechselte er im Alter von 10 Jahren zum FC Schifflange. Dort spielte er bereits mit 13 Jahren beim U16-Team. 2004 folgte der erneute Umzug. Dieses Mal ging es nach Frankreich, wo Pjanic ein Angebot aus der Jugendakademie des FC Metz vorlag. Seine Eltern willigten ein, auch weil Schifflingen gerade mal eine gute Autostunde von Metz entfernt liegt. Die Nachwuchsabteilung in Metz ist hoch angesehen und hat Spieler wie Emmanuel Adebayor, Robert Pires oder Louis Saha hervorgebracht. Das aktuell heißeste Eisen in der Metz-Schmiede ist der 17-jährige Luxemburger Vincent Thill. An ihm soll unter anderem der FC Bayern München interessiert sein.

Auch für Pjanic, der fünf Sprachen fließend spricht, war Metz schnell zu klein. 2008 folgte Frankreichs Serienmeister Lyon (der Klub war zu diesem Zeitpunkt siebenmal in Folge Meister geworden), 2011 wechselte er zur AS Roma. Hier zeigte sich, wie sehr die Ausbildung in Metz den jungen Pjanic geprägt hatte. Bevor er bei den Römern zusagte rief er bei Oliver Perrin, seinen ehemaligen U18-Trainer, an. Er wollte sicher gehen, dass der italienische Fußball für ihn geeignet ist. Perrin gab sein Ja-Wort, Pjanic übersiedelte in die ewige Stadt. Dort erarbeitete sich der Bosnier schnell den Ruf eines Freistoßspezialisten – und das nicht zu unrecht. Viel hat sich der 1,80 Meter große Mittelfeldspieler dabei von Juninho abgeschaut, mit dem er als 19-jähriger eine Saison bei Lyon zusammengespielt hatte. Nicht von ungefähr übernahm Pjanic nach Juninhos Abgang dessen Rückennummer 8. Richtig glücklich wurde er bei Lyon aber nicht. Pjanic war ohne Zweifel ein wichtiger Spieler, doch nicht unumstritten. Mit der Ankunft von Yoann Gourcuff schob Lyon-Trainer Claude Puel den Bosnier auf den Flügel, was diesem wiederum nicht schmeckte. Am Ende der Saison wechselte er für 11 Millionen nach Rom.

„Pjanic war wie ein Bruder für mich, aber jetzt reden wir kein Wort mehr miteinander.“

Radja Nainggolan, nach Pjanics Wechsel zu Juventus

Pjanics Wechsel zu Juventus

Im Sommer 2016 folgte schließlich der Wechsel zu Juventus. Für die Roma war der Weggang des Mittelfeldspielers, der in 186 Spielen 30 Tore und 46 Vorlagen verbuchen konnte, ein Stich ins Herz. Vor allem Radja Nainggolan nahm ihm den Wechsel übel und schickte Pjanic hinterher: „Für mich ist ein Scudetto mit der Roma mehr wert, als zehn mit Juventus. Ich könnte niemals zur Juve wechseln.“ Am Ende war alles halb so schlimm. Vor dem Duell zwischen den beiden Klubs trafen sich die Ex-Teamkollegen zum Abendessen. Warum Pjanic den Weg in Richtung Turin eingeschlagen hat liegt auf der Hand: Er will Titel!
Juventus ist ein anderes Kaliber als die Roma. Strukturell, finanziell und sportlich spielt der italienische Rekordmeister in einer anderen Liga als die restlichen Vereine des Landes. Das hat auch Pjanic schnell erkannt. Zuletzt sagte er in einem Interview, dass der größte Unterschied zur Roma der unbändige Siegeswillen des Klubs sei. Juventus hat es verstanden sich zu vermarkten, das Stadion ist fast immer ausverkauft und die Merchandising-Abteilung läuft auf Hochtouren. Erst jetzt ziehen die anderen italienischen Klubs nach. Für Vereine wie die Roma oder Napoli wird es noch Jahre dauern bis die Lücke halbwegs geschlossen sein wird. Andere, wie die beiden Mailänder Großklubs Inter und Milan, versuchen es mit finanzstarken Investoren aus Fernost. Auch sportlich ist Juventus seinen Konkurrenten einen Schritt voraus. Zum sechsten Mal in Folge haben die Schwarz-Weißen im Mai 2017 den Titel gewonnen. Doch der Scudetto in Turin ist längst ein obligatorisches Ziel, eine andere Trophäe ist viel begehrter.

Die Sehnsucht nach der Champions League

Gianluigi Buffon hat vieles erlebt in seiner Profikarriere. Achtmal wurde er mit Juventus Meister (siebenmal in der Serie A, einmal in der Serie B), er hat drei Pokalsiege gefeiert, mit Parma den UEFA-Cup geholt und 2006 den WM-Pokal in den Berliner Nachthimmel gereckt. Ein Titel aber fehlt im Lebenslauf der 39-jährigen Torhüterlegende: die Champions League. Damit sollte es in der Vorsaison klappen, doch im Finale war gegen Real Madrid Endstation. Damit es heuer klappt, haben Beppe Marotta und Fabio Paratici, die sportlichen Macher der Turiner, im Sommer den Kader gehörig umgekrempelt – nicht alle sind vom „neuen“ Juventus überzeugt. Als Ersatz für  Rechtsverteidiger Dani Alves (er wechselte nach nur einer Saison zu Paris Saint Germain) kam Milans Mattia De Sciglio, für den Angriff mit Federico Bernardeschi und Douglas Costa zwei waschechte Außenstürmer. Im Vergleich zum Vorjahr, als man mit Napoli-Stürmer Gonzalo Higuain einen 90-Millionen-Transfer stemmte, sind das Peanuts. Für Miralem Pjanic läuft es hingegen immer besser. Nach anfänglichen Startproblemen hat Juve-Coach Massimiliano Allegri mittlerweile die ideale Position für den Bosnier, der in seiner Jugend für die U-Nationalmannschaften von Luxemburg aufgelaufen ist, gefunden. Im variablen 4-4-2-System der Turnier spielt Pjanic zusammen mit Sami Khedira, oder Neuzugang Blaise Matuidi, auf der Doppelsechs. Vor allem der Deutsch-Tunesier, der 2016/17 beste Saison seiner Karriere spielte, ergänzt sich perfekt mit dem filigranen Edeltechniker vom Balkan. Auch außerhalb des Platzes verstehen sich Pjanic und Khedira bestens. Nur eines hat Khedira seinem Kumpel Pjanic voraus: viele Titel! Aber auch das könnte sich bald ändern.