Mauro Icardi hat eine spezielle Gabe. Er kann Menschen, die ihn lieben, zu erbitterten Gegnern machen. Mittlerweile sind seine Feinde überall: auf der Tribüne, in der Stadt, sogar auf dem Spielfeld. Chievo-Stürmer Maxi Lopez ist nämlich gar nicht gut auf Icardi zu sprechen. Wer ist Mauro Icardi wirklich?

Der Vatikan ist der kleinste Staat der Welt und gleichzeitig Sitz des höchsten geistlichen Vertreters der Kirche: des Papstes. Jedes Jahr pilgern Millionen von Gläubigen an diesen Ort, um ihren religiösen Führer zu ehren. Knapp 480 Kilometer nordwestlich befindet sich die Modemetropole Mailand. Dort herrscht eine andere Religion als im Vatikan: der Fußball!

Mailand: Die Stadt der zwei Champions-League-Sieger

Gibt es in einer Stadt zwei erfolgreiche Fußballklubs, dann ist es kein Geheimnis, dass die beiden Mannschaften und ihre Fans eine innige Feindschaft verbindet. Die Protagonisten in Mailand: Inter und Milan. Seitdem bei beiden Klubs asiatische Investoren das Zepter übernommen haben, spielt Geld keine Rolle mehr. Sportlich spielten die beiden Klubs zuletzt nur mehr die zweite Geige. Dabei ist Mailand die einzige Stadt der Welt, in der beim Derby zwei Champions-League-Sieger aufeinander treffen.
Von den eigenen Fans verehrt, von den Gegnern gehasst. Das ist in einer Stadt wie Mailand nichts Besonderes. Am meisten verschmäht werden jene Spieler, die innerhalb der Stadt den Klub gewechselt haben. Dabei ist die Liste der Akteure, die sowohl für Inter als auch für Milan aufgelaufen sind, durchaus prominent. Andrea Pirlo, Zlatan Ibrahimovic, Giuseppe Meazza oder Ronaldo – sie alle haben bei beiden Mailänder Großklubs gespielt. Dass man von den eigenen Fans auch gehasst werden kann, ohne den Verein zu wechseln, das hat Inter-Kapitän Mauro Icardi bewiesen.
„Sempre avanti“, das bedeutet übersetzt so viel wie „Immer vorwärts“. So heißt die Autobiografie von Icardi, die 2016 erschienen ist. Ob jemand mit 23 Jahren eine Biografie veröffentlichen sollte oder nicht, das sei dahingestellt. Fix ist jedenfalls, dass das Buch ein Bestseller wurde. 15.000 verkaufte Auflagen innerhalb von drei Tagen – das sind traumhafte Zahlen für einen jeden Verlag. Schnell wurde auch klar, warum sich das Buch so gut verkaufte. Icardi drohte den eigenen Inter-Ultras darin mit Mord.

Der Werdegang eines Kriegers

Mauro Icardi ist in Rosario aufgewachsen. Die argentinische Großstadt ist für zwei Sachen berühmt: Lionel Messi und Drogen-Kriminalität. Auch die Familie von Icardi war davon betroffen, immerhin wuchs der kleine Mauro in einem der schlimmsten Viertel von Rosario auf. Als er neun Jahre als war, wanderte die Familie Icardi nach Spanien aus. Dort angekommen, schnürte Mauro seine Fußballschuhe für Vecindario, einem Klub aus Gran Canaria. Als er dort in sechs Jahren unglaubliche 248 Treffer erzielte, wurden größere Klubs auf den Stürmer aufmerksam. Mit 15 Jahren wechselte er schließlich in die Jugendabteilung des FC Barcelona. Großen Wert legten die Katalanen auf Icardis Tore aber nicht, und so verschlug es ihn 2012 nach Italien. 400.000 Euro ließ sich Sampdoria den unbekannten Argentinier kosten. Ein Schnäppchen, wie sich später herausstellen sollte.

Lionel Messi

Barca-Star Lionel Messi soll sich persönlich dafür eingesetzt haben, dass Icardi in die „La Masia“ wechselt. (Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Nachdem er in den ersten eineinhalb Jahren vor allem für die Junioren auflief, folgte im Mai 2012 das Profi-Debüt. Icardi feierte einen Traumeinstand, erzielte gegen Juve Stabia den Siegtreffer und feierte am Ende der Saison den Aufstieg in die Serie A. Dort schaffte der Argentinier den endgültigen Durchbruch. Nach 10 Toren in seiner ersten vollen Profisaison wechselte er zu Inter. Bereits in seinem ersten Jahr in Mailand macht er mächtig Eindruck. So erzielte er im Derby d’Italia gegen Juventus seinen ersten Treffer für die Schwarz-Blauen. Große Erfolge konnte Icardi noch nicht feiern, dennoch betont er bei jeder Gelegenheit, wie stolz es ihn macht, dass er für Inter auflaufen kann. Es geht um Reputation und Wiedergutmachung, denn die Fußball-Welt war nicht immer so heil wie sie jetzt ist.

Leg dich nicht mit Mauro an

Im Oktober 2016 verlor Inter zuhause gegen Cagliari mit 2:1. Einen großen Anteil daran hatte Mauro Icardi, der einen Elfmeter verschoss. Dieser war aber nicht der Grund dafür, dass sich rund 40 Inter-Ultras vor dem Haus des zweifachen Familienvaters versammelten. Mit im Gepäck hatten die Ultras folgendes Spruchband: „Wir sind hier. Wo sind deine Freunde aus Argentinien?“ Bereits während des Spiels gab es Anfeindungen aus der Inter-Kurve, Icardi wurde als Clown betitelt und aufgefordert die Kapitänsbinde abzugeben. Was war passiert?

„Merkt euch meine Worter: Ich schicke 100 Kriminelle aus Argentinien. Die sind bereit zum töten.“

Mauro Icardi, in seiner Biografie „Sempre Avanti“

Eineinhalb Jahre zuvor musste Inter bei Sassuolo eine 1:3-Niederlage einstecken. Weil die Fans aufgebracht waren, beschlossen die Spieler in die Kurve zu gehen, und mit den mitgereisten Anhängern den Dialog zu suchen. Was dann geschehen ist, bleibt dubios. Icardi behauptet, er habe sein Trikot einem Kind gegeben. Einer der Ultras soll es dem Kind entrissen und dem Stürmer zurückgeworfen haben. Es folgten wüste Beschimpfungen von beiden Seiten, so jedenfalls die Version von Icardi. Die Inter-Ultras erzählen eine andere Geschichte, was genau passiert ist, bleibt unklar. Während sich die Fans schnell wieder beruhigt hatten, holte der Argentinier in seiner Biografie zum Rundumschlag aus. Die Ultras betitelte er als „einschüchternde Gestalten, die sich um den Verein herumbewegen“ und ergänzte, dass er bereit ist, sich jedem Einzelnen zu stellen. Als ob damit nicht genug wäre, verwies er auf seine gefährliche Kindheit in der Barra von Rosario und drohte den Ultras mit „100 Kriminellen aus Argentinien, die bereit zum töten sind“.
Durch den Ultras-Aufmarsch war der Höhepunkt der Schlammschlacht zwischen Icardi und den Inter-Fans erreicht. Wenige Stunden später entschuldigte sich der Stürmer für seine „unbedachten Worte“ und erfüllte die Ultras-Forderungen, die entsprechenden Stellen aus seinem Buch zu streichen. Inter verdonnerte seinen Kapitän zu 50.000 Euro Strafe und verurteilte seine Wortwahl, das Kapitänsamt durfte er aber behalten. Mittlerweile haben sich die Wogen wieder geglättet. Nach dem Derby-Dreierpack am 15. Oktober 2017 feierte Icardi mit seinem Trikot in der Hand vor genau jenen Fans, die ein Jahr zuvor vor seinem Haus gestanden haben.

Dann kam Wanda…

Wer glaubt, dass sich solche Szenen in Icardis Leben nur beim Fußball abspielen, der hat sich getäuscht. Icardi wäre nämlich nicht er selbst, wenn er im Privatleben seine Freunde nicht zu Feinden machen würde. Die Namen des Hass-Trios: Mauro Icardi, Maxi Lopez und Wanda Nara. Lopez und Icardi ähneln sich in vielen Dingen. Beide sind Stürmer und stammen aus Argentinien, beide haben eine Vergangenheit bei Barca und beide schafften den Durchbruch in Italien. Und es gibt noch eine Gemeinsamkeit: Wanda Nara, Ex-Frau von Lopez und Jetzt-Ehefrau von Icardi.
Als Icardi seine ersten Profieinsätze in Genua sammelte, hieß sein Sturmpartner Maxi Lopez. Dieser war seit 2008 glücklich verheiratet mit Wanda Nara, einem argentinischen Model. Das Paar hatte drei Kinder, die sie Valentino, Constantino und Benedicto tauften. Heute sind alle drei Namen auf den Arm von Icardi tätowiert. Verwandt mit den Kindern, oder ihr Patenonkel ist er nicht. Vielmehr ist Icardi der neue Mann an der Seite ihrer Mutter. Seit 2014 sind Nara und Icardi nämlich verheiratet.

„Er ist sauer auf mich? Solche Sachen passieren nun einmal im Leben.“

Mauro Icardi, über seinen ehemaligen Kumpel Maxi Lopez

Ein Jahr vorher tauchten in den italienischen Klatschblättern erste Gerüchte darüber auf, dass Nara ihren Mann Maxi Lopez mit dem jüngeren Inter-Star Mauro Icardi betrügen würde. Angeblich habe die blonde Argentinierin Icardi kontaktiert, damit er ihr ein iPad aus den USA mitbringe. Als klar wurde, dass Nara mehr an Icardi als an einem iPad interessiert ist, nahm die Geschichte ihren Lauf. Mit der Begründung Lopez habe sie mehrmals betrogen, ließ sie sich von ihm scheiden, um kurze Zeit später Icardi zu heiraten. Das Ende der Fahnenstange war damit aber nicht erreicht.
Wenige Tage nach Bekanntwerden der Beziehung zwischen Nara und Icardi, traf Inter auf Torino und es kam zum nächsten Skandal. Während Lopez dem Inter-Stürmer den obligaten Handschlag vor dem Match verweigerte, gab dieser zu Protokoll, dass Lopez nie sein Freund gewesen sei und dass solche Dinge im Leben nun mal passieren. Eine skurrile Aussage, denn im Internet kursieren mehrere Urlaubsfotos, die Icardi, Nara und Lopez gemeinsam zeigen. Zu allem Überfluss verschoss Lopez bei der 0:4-Pleite gegen Inter einen Elfmeter. Icardi schnürte einen Doppelpack und schwebte auf Wolke 7. Doch er hatte sich nicht nur Freunde gemacht.

Seine Frau und das Problem mit der Nationalmannschaft

Paulo Dybala, Gonzalo Higuain, Sergio Agüero, Lionel Messi. Keine andere Nation kann so eine geballte Sturm-Power wie Argentinien vorweisen. Icardi spielte bis dato keine große Rolle. Ein Grund dafür soll die Geschichte mit Wanda Nara sein. Hatte sich Messi beim Barcelona-Wechsel noch für Icardi eingesetzt, so soll er sich in der Folge vehement gegen seine Nationalmannschafts-Nominierung ausgesprochen haben. Für Icardi waren die Nicht-Berücksichtigungen ein bitterer Schlag. Icardi hat einen italienischen Pass und hätte er sich damals für die Squadra Azzurra entschieden, hätte er vermutlich mehr als nur vier Länderspiele auf dem Konto.

Sergio Agüero

Manchester-City-Angreifer Sergio Agüero ist einer von Icardis Hauptkonkurrenten in der argentinischen Nationalmannschaft. (Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Zuletzt ging es aber auch in der Nationalmannschaft bergauf. Unter Jorge Sampaoli, der Argentinien in letzter Sekunde noch zur Weltmeisterschaft geführt hat, wurde Icardi wieder nominiert. Es ist gut möglich, dass er in Zukunft auch in der Nationalmannschaft eine wichtige Rolle einnimmt und jenen Status erreicht, den er bei Inter schon längst hat: der heilige Icardi. Damit wäre dann auch der Weg in den Vatikan frei. Im Leben von Icardi ist schließlich nichts gewöhnlich und schon gar nichts unmöglich.
Sein Charakter macht Mauro Icardi im Leben zu einem Proleten. Auf dem Platz ist er aber seine große Stärke. Icardi ist kein Schönspieler. Er ist ein Instinktfußballer, der genau weiß, wo ein Stürmer zu stehen hat. Mit seinen Toren ist er die Lebensversicherung von Inter, seine Torquote ist beeindruckend. Bis auf seine Debütsaison in Mailand, hat er immer mindesten 15 Saisontore erzielt. Das ist umso beeindruckender, wenn man bedenkt, dass Inter zuletzt nicht mehr als Mittelmaß war.
Brillanten an den Ohren, selbstbewusstes Auftreten und immer wieder Boulevard-Schlagzeilen: Icardi hat sich selbst den Stempel des arroganten, narzisstischen Fußballprofis aufgedrückt. Für seinen Klub ist er aber überlebenswichtig und Inter weiß das. Sein Vertrag in Mailand läuft noch bis 2021. Unter der neuen asiatischen Führung will man wieder an die glorreichen Zeiten anschließen. Der Garant dafür heißt Mauro Icardi.