Die Liebesgeschichte von Napoli-Star Marek Hamsik und seiner Stadt

Von Posillipo aus hat man einen hervorragenden Blick auf den Vesuv und den malerischen Golf von Neapel. Das Stadtviertel liegt direkt am Meer, es gehört zu den wohlhabenderen Gegenden der süditalienischen Hafenstadt. Im Süden von Posillipo liegt Marechiaro, ein kleines Dorf, das aufgrund seiner malerischen Schönheit bekannt und vor allem bei Paaren ein sehr beliebtes Fotomotiv ist. Übersetzt heißt Marechiaro so viel wie „klares Meer“. Begibt man sich ein Stück stadteinwärts in Richtung des Viertels Fuorigrotta, bekommt der Name „Marechiaro“ allerdings gleich eine ganz andere Bedeutung. 

Fuorigrotta liegt im Südwesten von Neapel, es ist der Geburtsort von Weltfußballer Fabio Cannavaro und die Heimat des berühmt-berüchtigten San Paolo. Wie ein kleines Juwel thront das Stadion inmitten von heruntergekommenen Wohnhäusern und Plattenbauten. Das San Paolo mag zwar ein wenig verkommen sein, doch es ist eines der legendärsten Fußballstadien in Europa und das drittgrößte in Italien noch dazu. Zu Zeiten von Diego Maradona sollen bis zu 100.000 Zuschauer die Napoli-Spiele im Stadion verfolgt haben. Offiziell zugelassen waren 85.000 Fans, doch mit den Tickets und Eintrittskarten nahm man es in Neapel auch vor wenigen Jahren noch nicht so genau. Doch was hat das alles mit dem kleinen Fischerdorf Marechiaro zu tun?
Nun, wenn Diego Maradona der König von Neapel ist, dann haben die Tifosi mittlerweile seinen Kronprinzen gefunden. Seit 2007 prägt ein Slowake den Verein mit dem himmelblauen „N“ im Wappen. In 463 Spielen hat er 115 Tore erzielt, er ist Kapitän der Partenopei, und wenn Gauner das Auto seiner Frau stehlen, dann steht es Stunden später wieder vor seiner Tür. Sein Name: Marek Hamsik, oder um es in der Sprache der Napoli-Tifosi zu sagen: Marekiaro!

Von Amateurklub Podlavice nach Italien

2003 weilte Maurizio Micheli in Frankreich. Eigentlich wollte der Brescia-Scout bei der U17-EM den slowakischen Stürmer Juraj Piroska beobachten. Doch dann sticht ihm im Mittelfeld der Osteuropäer, ein schmächtiger Junge mit auffallender Wuschelfrisur, ins Auge. Während Piroska einen Transfer zu Brescia ablehnt, sagt Mittelfeldspieler Marek Hamsik zu und die Karriere kommt ins Rollen. Am 20. März 2004 debütierte er mit zarten 17 Jahren gegen Chievo in der höchsten italienischen Liga. Hamsik war zu diesem Zeitpunkt der erst dritte slowakische Profi in der Geschichte der Serie A.
Fußballerisch ist Hamsik bei Jupie Podlavice, einem Amateurverein aus seiner Heimatstadt Banská Bystrica, groß geworden. Dort war der junge Marek der große Star. Zwischen 1998 und 1999 erzielte er in 38 Pflichtspielen für seine Jugendmannschaften sagenhafte 111 Treffer, darunter 16 in einem einzigen Spiel. Das ist bis heute Rekord in der Slowakei. Trotzdem dauerte es lange, bis die ersten Profiklubs auf den offensiven Mittelfeldspieler aufmerksam wurden. 2001, als Hamsik schon 14 Jahre alt war, bahnte sich ein Wechsel zum tschechischen Rekordmeister Sparta Prag an. Doch der Transfer scheiterte daran, dass die Tschechen keine Arbeit für Hamsiks Eltern finden konnten. So wechselte er ein Jahr später in die Jugendakademie von Slovan Bratislava. Dort blieb er zwei Jahre lang und debütierte für die Profis, ehe er für die schlappe Summe von 60.000 Euro von Brescia unter Vertrag genommen wurde. Die Norditaliener landeten mit dem jungen Slowaken, der als Verstärkung für die Primavera-Mannschaft verpflichtet worden war, den großen Coup. Vier Saisonen, 74 Spiele und zwölf Tore später wechselte Hamsik im Alter von 19 Jahren und für 5,5 Millionen, zu Napoli.

Geishas, Tattoos & Irokesen

Über 60 Jahre lang musste Napoli nach seiner Gründung warten, bis Diego Maradona die Hellblauen zum ersten Scudetto schoss. Die Stadt explodierte, Napoli war plötzlich eines der heißesten Eisen im Weltfußball. Das war 1987. Zwei Jahre später holten die Süditaliener den UEFA-Cup, 1990 folgte der zweite und bislang letzte Meistertitel. Seitdem ist viel Zeit vergangen. Napoli war zwischendurch bis in die 3. Liga abgestiegen, 2004 musste der Verein neu gegründet werden. Drei Jahre später stieg Napoli als Vizemeister der Serie B in die höchste italienische Liga auf, dann kam Marekiaro.

Das ist der Nachteil an Neapel!

Marek Hamsik, nachdem er an einer Ampel überfallen wurde

Man könnte meinen, Marek Hamsik ist einer jener Fußballprofis, die mehr auf ihre Außendarstellung und ihr Image setzen als auf die sportlichen Leistungen. Er trägt eine auffällige Irokesenfrisur und überdimensional große Brillen. Zahlreiche Tattoos schmücken seinen Körper, darunter eine japanische Geisha mit einem himmelblauen Umhang – eine Ode an Napoli. Hamsik ist kein Typ wie jeder andere. Aber er ist ein stiller, echter Anführer. Als sich im Sommer 2016 halb Fußball-Europa am Wechsel von Stürmer Gonzalo Higuain von Napoli zu Juventus erzürnte, blieb Hamsik als einer der wenigen Spieler der Hellblauen ruhig. Das war schon immer so. Auch als Leistungsträger wie Edinson Cavani oder Ezequiel Lavezzi Neapel verließen, hörte man vom Slowaken keinen Mucks – auch wenn er die Wechsel selbst am wenigsten verstehen konnte.

Marek Hamsik und die Mafia

Für Hamsik steht Loyalität immer an erster Stelle. In all den Jahren hat er nie Verstärkungen durch neue Stars gefordert oder den Verein für Personalentscheidungen kritisiert. Dabei stünde ihm das durchaus zu. Immerhin ist Hamsik der erst dritte nicht-italienische Kapitän in der Geschichte von Napoli. Seit Jänner 2014 trägt der mittlerweile 29-Jährige die Binde an seinem dünnen rechten Oberarm. In Neapel lieben sie ihren Kapitän und dieser weiß das zu schätzen.
Doch es gibt auch die Kehrseite der Medaille. Obwohl er sich 2010 mit Camorra-Boss Domenico Pagano fotografieren ließ – unbewusst wie er immer wieder betont – genießt er nicht immer den Schutz der Mafiosi. Mehrmals wurden er oder seine Frau bereits überfallen. Zuletzt 2013, als er sich nach einem verlorenen Heimspiel gegen Sampdoria auf dem Heimweg befand und an einer roten Ampel anhielt. Viele Fußballprofis hätten nach solchen Erlebnissen wohl schnell die Koffer gepackt. Hamsik hingegen gab nur lapidar zur Antwort, dass das eben der Nachteil an Neapel sei.
In einem Interview sagte Hamsik einst, dass er nicht an einen Wechsel denkt, weil er bei Napoli eine Legende werden möchte. So wie Francesco Totti bei der Roma oder Alessandro Del Piero bei Juventus. Solche Spieler werden in Italien „bandiere“ genannt. Marekiaro ist auf dem besten Weg dorthin.

Foto: Antonio Balasco