Wie Oswald Wenin zu einem der besten Bergläufer im Land wurde

Mit 41 Jahren absolvierte Oswald Wenin seinen ersten Berglauf. Das war 2006. Mittlerweile zählt der 52-Jährige aus dem Südtiroler Ultental zu den besten Bergläufern im Land. Was treibt einen Menschen an, so einen extremen Sport zu machen?

121 Kilometer, 7554 Höhenmeter. Nein, das ist nicht das Streckenprofil um auf den Mount Everest zu kommen, sondern jenes des „Südtirol Ultra Skyrace“. Der Berglauf, der jedes Jahr im Juli stattfindet, gehört zu den extremsten in ganz Europa und ist wahrlich nichts für Weicheier. Während der Start in der Altstadt von Bozen noch einen Hauch von Glamour versprüht, ist danach Schluss mit lustig. Wo ein normaler Wanderer schon längst an seinem Limit angekommen ist, fängt es für die Teilnehmer dieses Extrem-Trailruns erst an. Mitten drin statt nur dabei: Oswald Wenin!

Leidenschaft kommt von Leiden

Bis auf eine GPS-Uhr braucht Oswald Wenin nichts für sein Training. Er verlässt sich auf sein Gespür. Foto: Wisthaler/Südtirol Ultra Skyrace

Vom Fußballer zum Bergläufer

Joggen ist längst zu einem Massensport geworden, den Millionen von Menschen jeden Tag betreiben. Sie laufen am Strand, im Stadtpark, im Wald. Auch Oswald Wenin hat so begonnen. 2003 machte er beim „Ultner Höfelauf“ mit, eine Laufveranstaltung, die jedes Jahr in den Sommermonaten in seinem Heimatort stattfindet. Bereits zuvor war Wenin ein begeisterter Sportler, spielte Fußball und fuhr Ski. Hin und wieder bestieg er einen Berggipfel, doch für jemanden, der in einem Dorf auf 1200 Metern Meereshöhe aufgewachsen ist, ist das nichts Besonderes. So weit, so gut.
Mittlerweile hat das Laufen von Oswald Wenin längst andere Sphären erreicht. Anstatt eine Stunde um einen See zu joggen, läuft er einen Tag lang durch die Berge. Oder sogar eine Woche lang, wie beim „Gore-Tex-Transalpine-Run“, den er 2015 zusammen mit seinem Bruder Richard gewonnen hat. Sein bisher größter Erfolg, wie er sagt, und zugleich auch der schönste. Verständlich, wenn man daran denkt, dass in acht Tagen 16.310 Höhenmeter zu bewältigen waren. Erfolge konnte Wenin zuletzt immer wieder feiern, mal größere, mal kleinere. Als ein weiteres Highlight in seiner Läuferkarriere sieht er den Gesamtsieg beim „Troi degli Sciamani“, den er 2015 in der Provinz Venetien gewinnen konnte. Dass er mehr als nur ein reiner Bergläufer ist, bewies Oswald Wenin 2009 beim „Vienna City Marathon“, der größten Lauf-Veranstaltung Österreichs. Dort lief er einen Kilometer durchschnittlich in 3.58 Minuten, brauchte für die 42 Marathon-Kilometer 2:47.42 Stunden und belegte den 63. Platz in der Gesamtwertung. In einem Wettbewerb, der von Langstreckenläufern aus Afrika und Vollprofis dominiert wird, eine herausragende Leistung.

Wie trainiert man Berglaufen? Nach Gefühl!

Angesichts solcher Leistungen fragen sich wohl nicht wenige: Wie kann einem so etwas Spaß machen? Oswald Wenin hat für solche Menschen nur ein Lächeln übrig. Für ihn ist das Laufen längst zu einer Leidenschaft und einem wichtigen Teil seines Lebens geworden. „Es ist eine Bereicherung und eine Möglichkeit, mich vom Alltagsstress zu erholen“, so Wenin. Alltagsstress bedeutet auch für ihn, einer geregelten Arbeit nachzugehen und die dort üblichen Probleme eines Arbeitnehmers zu haben. Oswald Wenin ist kein Profi, auch Sponsoren hat der Südtiroler keine. Kein Berufssportler zu sein, hat aber auch seine Vorteile. Ernährungspläne gibt es im Leben von Wenin keine, er isst was ihm schmeckt und niemand geht ihm deswegen auf die Nerven. 2015 war seine letzte Mahlzeit vor dem „Südtirol Ultra Skyrace“, eine Pizza.

Das Berglaufen ist längst kein Hobby mehr. Es ist eine Leidenschaft.

Beim Training ist es ähnlich. Anstatt ausgeklügelten Trainingsplänen folgt er seinem Gespür, das er sich in den Anfangsjahren beim Laufen angeeignet hat. Einzig eine GPS-Uhr nimmt er sich zur Hilfe, die ihm aber auch eher zur nachträglichen Kontrolle von Kilometern, Höhenmetern und der gelaufenen Zeit dient. Trainiert wird das ganze Jahr über, vor Wettkämpfen erhöht Wenin das Pensum – je nachdem wie lange und anstrengend der anstehende Lauf ist. Als Ausgleich zum Laufen fährt der zweifache Familienvater mit dem Mountainbike, geht bergsteigen oder macht eine Skitour.
Seine Geschichte klingt wie ein Relikt aus vergangenen Tagen. Vor allem wenn man bedenkt, dass wir in Zeiten leben, wo sich jeder Amateursportler selbst überwacht und abstruse Hightech-Marathon-Weltrekorde, wie jener von Nike im Frühjahr 2017, unternommen werden. Oswald Wenin kann mit all dem wenig anfangen und genau das macht es umso schöner. Er ist ein Läufer mit Leib und Seele, er lebt und liebt seinen Sport und macht ihn, weil es ihm Spaß macht. Ihn reizt die Natur, die Landschaften und die Ruhe, die er beim Berglaufen vorfindet. Wenn man ihn nach seinen Zielen fragt, dann gibt er keine Platzierungen oder Bestzeiten an. Viel lieber möchte er noch viele Wettkämpfe mit Freude und Spaß absolvieren.

Leidenschaft kommt von Leiden

Oswald Wenin beim „Südtirol Ultra Skyrace“, dem härtesten Berglauf Europas. Foto: Wisthaler/Südtirol Ultra Skyrace

Platz 3 beim härtesten Berglauf in Europa

Die Talferwiese in Bozen, am 29. Juli 2017. Nachdem Oswald Wenin eine ganze Nacht und einen Tag lang durchgelaufen ist, kommt er am Samstagabend im Ziel des „Südtirol Ultra Skyrace“ an. Total platt und müde, aber auch glücklich und erfolgreich. Er hat das härteste Bergrennen Europas in unter 20 Stunden geschafft. Um ganz genau zu sein, hatte er 19 Stunden, 37 Minuten und 39 Sekunden dafür gebraucht. Damit gewann er nicht nur seine Kategorie mit fast drei Stunden Vorsprung auf den Zweitplatzierten, er wurde auch Gesamtdritter. Eine gewaltige Leistung, die nur von Daniel Jung und dem Münchner Philipp Reiterer getoppt wurde – die zusammen übrigens nur sieben Jahre mehr auf dem Buckel haben als Wenin alleine.
Wenn man sich die Geschichte dieser Athleten ansieht, dann kommt man zum Schluss, dass Leidenschaft eben doch von Leiden kommt. Ganz besonders bei Oswald Wenin, für den das Berglaufen längst mehr als nur ein Hobby geworden ist.