Wer hilft auf dem Weg zurück zur italienischen „grandezza“?

Nach dem Aus in der WM-Qualifikation steht die italienische Fußballnationalmannschaft vor einem Umbruch. Was steht in Italien in den kommenden Monaten an und welche Spieler kommen überhaupt in Frage?

Keine Frage, dass Italien erstmals seit 60 Jahren nicht bei der Fußball-WM mit dabei ist, wird bleibende Spuren hinterlassen. Der Trainer ist weg, gestandene Spieler wie Gianluigi Buffon, Andrea Barzagli und Daniele De Rossi auch. Unter dem Deckmantel des Gejammere hat sich in Italien aber längst eine neue Generation an hochtalentierten Fußballern entwickelt. Bisher wurden diese Spieler nicht eingesetzt, doch jetzt schlägt ihre Stunde.

Italien: Wer ist die neue Generation?

Er war bei dem WM-Aus dabei und wird auch in Zukunft für Italien auf dem Platz stehen: Antonio Candreva. (Foto: Clèment Bucco-Lechat/Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Ventura und der verpasste Umbruch

Bei seinem Amtsantritt im Herbst 2016 gab Gianpiero Ventura zu Protokoll, dass Lorenzo Insigne und Domenico Berardi nicht zu seinem Stil passen. Wozu also diese Spieler für die Nationalmannschaft nominieren? Während Ventura bei Berardi hart blieb, kam Insigne mit der Zeit doch noch zu einigen Einsätzen in der Squadra Azzurra. Geholfen hat es wenig. Weder der Napoli-Star noch sein Nationaltrainer wurden warm miteinander. Jetzt ist Ventura weg, Italien steht vor einem Umbruch. Wieder einmal.
Einen Neuanfang hatte man in Italien bereits nach der WM 2010 gefordert. Damals flogen die Azzurri als amtierender Weltmeister nach der Vorrunde aus dem Wettbewerb. Vier Jahre später folgte das nächste Vorrunden-Aus. Geändert hat sich wenig, auch wenn es bei der Europameisterschaft 2016 ein letztes Aufbäumen der alten Garde gab. Angeführt von einem entfesselten Trainer Antonio Conte, verlor Italien erst im Viertelfinale gegen Deutschland – im Elfmeterschießen. Ein Wunder, wenn man sieht, mit welchen Spielern es Conte so weit gebracht hatte. Gegen Deutschland spielten Marco Parolo, Stefano Sturaro und Emanuele Giaccherini im Mittelfeld. Aber Italien hatte einen Plan und Conte holte aus durchschnittlichen Spielern das Maximum heraus. Im Grunde war die italienische Nationalmannschaft von 2016 keine andere, als diejenige, die erstmals seit 1958 eine WM verpasst hat. Der große Unterschied lag darin, dass an der Seitenlinie kein ausgeklügelter Stratege die Fäden zog, sondern ein ungeliebter Provinztrainer der alten Schule.
Gianpiero Ventura überzeugte bei Torino mit einer tiefen Ballzirkulation, guten Kontern und einem schnellen Flügelspiel. Denselben Stil wollte er der italienischen Nationalmannschaft einimpfen und ist grandios gescheitert. Anstatt den nötigen Umbruch voranzutreiben, setzte Ventura auf Altbewährtes. Er wechselte zwar flexibel die Formation, doch die Spielanlage blieb stets dieselbe. Jetzt geht Ventura, nach Alfredo Foni, als zweiter Trainer der Fußballgeschichte ein, der mit Italien an der WM-Qualifikation gescheitert ist.

Wer soll das neue Italien anführen?

Am Spielermaterial hat es nicht gelegen, dass Italien die Weltmeisterschaft in Russland verpasst hat. Man kann Ventura auch nicht vorwerfen, dass er stur war. Immer wieder versuchte er es mit neuen Spielern, aber es war planlos. Er stellte Bolognas Simone Verdi Anfang Oktober beim 1:1-Unentschieden gegen Mazedonien in die Startelf. Drei Tage später war er gegen Albanien gar nicht im Kader. Napoli-Regisseur Jorginho wurde jahrelang konsequent ignoriert, um im entscheidenden Match gegen Schweden von Beginn an zu spielen. Elf Spieler debütierten unter Ventura, zum Leistungsträger hat es nur Andrea Belotti gebracht. Ventura wollte erneuern, hat es aber nicht geschafft.

Italien: Wer ist die neue Generation?

Bei einem Topklub auf der Bank, in der Nationalmannschaft gesetzt: Matteo Darmian ist das perfekte Beispiel für die aktuelle Generation. (Foto: Clèment Bucco-Lechat/Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Jetzt muss es eine neue Generation richten. Mit Buffon, Barzagli und De Rossi sind die letzten Senatoren, sprich Weltmeister von 2006, zurückgetreten. An ihrer Stelle werden künftig junge Italiener spielen. Davon gibt es zwar einige, allerdings nicht bei den Topklubs. Diese Spieler kann man an einer Hand abzählen: Jorginho, Marco Verratti, Insigne, Florenzi und vielleicht noch Stephan El Shaarawy. Der große Rest spielt bei Atalanta, Cagliari und Bologna – oder sitzt bei Spitzenvereinen auf der Bank. Trotzdem gibt es Anlass zur Hoffnung.
Milan-Torhüter Gianluigi Donnarumma ist zwar erst 18 Jahre alt, hat aber schon fast 100 Erstliga-Einsätze auf dem Buckel. International macht er heuer erste Schritte in der Europa League. Ähnlich ist es bei seinem Teamkollegen Alessio Romagnoli. Juve-Verteidiger Daniele Rugani ist mit 23 Jahren schon zweifacher Double-Gewinner. In Bergamo reifen Mattia Caldara, Bryan Cristante und Andrea Petagna. Auf Sardinien stehen die 20-Jährigen Filippo Romagna und Nicolò Barella in der ersten Cagliari-Elf, in Florenz gibt der gleichaltrige Federico Chiesa den Takt vor.
Das ist die neue, junge Generation in Italien. Sportlich könnte es bald wieder bergauf gehen, dafür werden diese Spieler sorgen. Allerdings muss der italienische Fußball reformiert werden. Das ist die weitaus größere Aufgabe, als eine neue und talentierte Nationalmannschaft auf die Beine zu stellen.