Über die Kolumne

Im Sommer 2016 startete Patrick Egger als Außenverteidiger eines Südtiroler Amateurvereins in die neue Saison. Ein Jahr später hatte er „seinen“ SV Ulten zum Meistertitel und dem Aufstieg in die 1. Amateurliga geführt, nachdem er die Mannschaft sieben Spieltage vor Saisonende als Trainer übernommen hatte. Mittlerweile trainiert der 28-Jährige den SC St. Pankraz, einen Verein aus der 3. Amateurliga, der niedrigsten italienischen Spielklasse. Hier, in seiner Kolumne „Hart, härter, Amateurtrainer“, erzählt er uns von den Freuden und Problemen eines Amateurtrainers.

Teil 11

Als ich am Sonntagmorgen nach der zweiten 0:7-Niederlage in Folge und einer wenig erholsamen Nacht aufwachte, kehrte ein Hauch von Optimismus in mir zurück und ich blickte wieder nach vorne. Meine erste Überlegung war, dass wir irgendwie unser Selbstvertrauen stärken müssen. Ich hatte am Samstag am eigenen Leib erfahren, dass die Versagensangst in der Mannschaft einfach viel größer war als die Freude am Fußballspielen.
„Die Wahrheit liegt auf dem Platz“ – diese viel zitierte Phrase kam mir an diesem Morgen gar nicht mehr so abgedroschen vor. Sofort wieder auf dem Platz zu stehen, war meiner Meinung nach das einzige, was uns in dieser Situation wirklich helfen konnte. Ich vereinbarte also ganz kurzfristig ein Freundschaftsspiel für den Dienstag. Und zwar gegen jene Freizeitmannschaft, die wir in der Vorbereitung noch mit 5:1 besiegt hatten. Ich hoffte, dass wir uns mit diesem Spiel das vollkommen verlorene Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zurückholen könnten. Vor dem Spiel vereinbarten wir, in der Defensive gar nichts, aber auch wirklich gar nichts zu riskieren. Wir wollten keinesfalls wie am Samstag unserem Gegner die Tore selbst auflegen. Dadurch spielten wir zwar mit vielen langen Bällen, doch schließlich sind gezielte lange Bälle auch ein probates Mittel, gefährlich vor das gegnerische Tor zu kommen. Doch wieder kam alles ganz anders als geplant. Nach 45 Minuten lagen wir vollkommen verdient mit 0:3 hinten. Der Gegner, eine Freizeitmannschaft, war uns sogar in diesem Testspiel in allen Belangen überlegen. Dieses Zwischenergebnis zeigte uns gnadenlos, dass wir längst am Abgrund angekommen waren. Zwar drehten wir in Halbzeit zwei das Spiel noch zu unseren Gunsten und gewannen mit 4:3, doch ob dieser Sieg unser Selbstvertrauen wirklich gestärkt hatte, war angesichts der Chancenlosigkeit im ersten Durchgang mehr als fraglich.

Ich sah in den Himmel und verfluchte Gott und die Welt.

Am Wochenende kam es dann zum Duell gegen einen Absteiger aus der 2. Amateurliga. Mit der Devise, in erster Linie defensiv gut zu stehen und nichts zu riskieren, gingen wir ins Spiel. Und mit neuen Hoffnungen. Doch es dauerte gerade einmal 15 Sekunden, als das Unheil seinen Lauf nahm. Der Gegner hatte Anspiel und brachte einen langen Ball nach vorne. Der Flügelspieler köpfte ihn zur Mitte, wo der gegnerische Stürmer vor unserem Torhüter an den Ball kam, das Leder jedoch am Kasten vorbeischob. Die beiden krachten ineinander und der Schiedsrichter, der beinahe noch am Anstoßkreis stand, pfiff Elfmeter. Als der Schütze den Strafstoß verwandelt hatte, mussten wir zu allem Überfluss auch noch unseren Torhüter auswechseln, der sich bei der Aktion am Schienbein verletzt hatte. Da unsere etatmäßige Nummer 12 an diesem Tag bei einer Taufe eingeladen war, mussten wir einen Spieler, der zwar ein durchaus respektabler Torhüter ist, jedoch seit Monaten ohne Training war, einwechseln. Während des Torhüterwechsels sah ich in den Himmel und verfluchte Gott und die Welt. Es erübrigt sich wohl zu erwähnen, dass ein solcher Start in unserer Verfassung Gift war.
Nach zehn Minuten bekamen wir einen weiteren Elfmeter gegen uns und auch dieses Mal verwandelte der Gegner ganz sicher. Als unser Goalie, der ansonsten ein herausragendes Spiel machte, Mitte der ersten Hälfte auch noch einen an sich harmlosen Freistoß passieren ließ, befürchtete ich schon, dass erneut alle Dämme brechen. Ich weiß nicht, ob der Gegner in weiterer Folge möglicherweise zwei Gänge zurückgeschalten hat, jedenfalls kamen wir mit Fortdauer des Spiels immer besser in die Partie.

Ich weiß, dass es traurig klingt, wenn man nach einer 1:4-Niederlage von einem Schritt in die richtige Richtung spricht.

In der zweiten Halbzeit waren wir sogar die etwas bessere Mannschaft und kamen durch einen erzwungenen Fehler in der gegnerischen Hintermannschaft zum Anschlusstreffer. Zwar mussten wir kurz vor Schluss noch den vierten Treffer hinnehmen, doch die zweite Halbzeit war definitiv ein Fortschritt im Vergleich zu den letzten Spielen. Ich weiß übrigens, dass es mehr als traurig klingt, wenn man bei einer 1:4-Niederlage von einem Schritt in die richtige Richtung sprechen muss. Aber es war so. Am darauffolgenden Wochenende kam dann ein Gegner nach St. Pankraz, der bis dahin auch noch nicht viel gerissen hatte. Angesichts der jüngsten Ergebnisse präsentierten wir uns geradezu ausgezeichnet. Seit Langem hatte ich wieder einmal das Gefühl, dass eine Mannschaft auf dem Platz steht, die das Spiel unbedingt gewinnen will. Nach zwei vergebenen Hochkarätern in der ersten Halbzeit ging es torlos in die Kabinen. Auch im zweiten Durchgang waren wir das bessere Team, doch erneut brachten wir bei zwei guten Tormöglichkeiten den Ball nicht im Tor unter. Und wer die Tore vorne nicht macht, bekommt sie hinten. Verdammte Fußballweisheiten!
Ein an und für sich harmloser Freistoß segelte in unseren Sechzehner, wurde leicht abgefälscht und schon zappelte der Ball in unserem Netz. Anstatt zumindest einen Punkt mitzunehmen, standen wir trotz einer couragierten Leistung wieder einmal mit leeren Händen da. Hatte sich denn wirklich alles gegen uns verschworen?