Warum zählt den Italiener eigentlich keiner zu den besten Verteidigern der Welt?

2008 holte Felix Magath auf einen Schlag zwei Italiener nach Wolfsburg. Beide 27 Jahre alt, beide Weltmeister, beide Verteidiger, beide von Palermo. Ihre Namen: Cristian Zaccardo und Andrea Barzagli. Während Zaccardo schon nach einem Jahr den Abflug machte und für 5 Millionen nach Parma wechselte, blieb Barzagli immerhin zweieinhalb Saisonen in der VW-Stadt. 94-mal lief der Innenverteidiger für Wolfsburg auf und 2009 wurde er Deutscher Meister, doch als Barzagli im Jänner 2011 für 300.000 Euro Ablöse zu Juventus wechselte, rieben sich nicht nur viele Juve-Tifosi verwundert die Augen. Die öffentliche Meinung war schnell klar: Juve hatte Personalprobleme in der Abwehr, Barzagli war eine billige und schnelle Notlösung. Doch Sportchef Beppe Marotta hatte keinen Lückenfüller verpflichtet. Er hatte einen klaren Plan.

Andrea Barzagli wurde im Mai 1981 in der Toskana geboren. Aufgewachsen im Dorf Fiesole, das auf einer Anhöhe eine Viertelstunde von Florenz entfernt liegt, verdiente sich Barzagli seine ersten Sporen bei Rondinella. Ende der 1990er-Jahre schaffte der Klub den Sprung in den Profifußball, mittlerweile spielt Rondinella in der 7. italienischen Liga. In der Folge lief Barzagli für Pistoiese, Ascoli und Chievo auf. Der typische Werdegang junger Italiener, die häufig zu mehreren Vereinen ausgeliehen werden, um Spielpraxis zu sammeln. 2004 wechselte Barzagli für 1,5 Millionen Euro nach Sizilien und die Karriere kam ins Rollen. Bei Palermo war er von Anfang an ein wichtiger Baustein. Im November 2004 debütierte Barzagli für die Nationalmannschaft. Am Ende schaffte er es in den WM-Kader und wurde 2006 in Deutschland Weltmeister. Auch seine restliche Titelsammlung liest sich imposant: fünf Meistertitel in Italien, zwei italienische Pokalsiege, einmal Meister in Deutschland. Wenn über die stärksten Verteidiger im europäischen Fußball gesprochen wird, fällt der Name Barzagli trotzdem eher selten. Doch warum ist das so?

Nein, „BBC“ ist nicht nur ein TV-Sender

Als Juventus 2016 unter Max Allegri den fünften Scudetto in Folge holte, war viel die Rede vom magischen Abwehrtrio „BBC“: Barzagli, Bonucci, Chiellini. Im Fokus waren aber vor allem die letzteren beiden. Chiellini, weil er ein harter Hund ist, keinen Zweikampf scheut und mindestens einmal pro Saison wegen eines Nasenbeinbruchs auf dem OP-Tisch liegt. Und Bonucci, weil er – zurecht – als einer der spielstärksten und elegantesten Innenverteidiger der Welt gilt. Barzagli hingegen hat weder das eine noch das andere. Er ist ein solider Abwehrspieler, große Schwächen hat er keine. Weil Juventus zuletzt auch international wieder mehr im Fokus steht, attestieren ihm viele TV-Zuschauer eine gewisse Behäbigkeit. Angeblich sei er zu alt und deshalb langsam geworden. Dabei war der mittlerweile 36-jährige Barzagli nie schneller, schon in seinen jungen Jahren bei Palermo war er kein Sprinter. In der Stadt der Cosa Nostra stieg der Toskaner innerhalb kürzester Zeit zum Capo, sprich zum Kapitän der Rosaroten, auf. Im WM-Kader 2006 standen mit Barzagli, Fabio Grosso und Cristian Zaccardo drei von vier Verteidigern der Palermo-Abwehrreihe. Grosso wechselte in der Folge zu Inter, Barzagli kokettierte mit einem Wechsel zu Juventus. Am Ende blieb er auf der süditalienischen Insel, auch weil Palermo zu dieser Zeit ein steter Vertreter im internationalen Geschäft war. 2008 verließen schließlich auch die anderen beiden Weltmeister aus Palermo den Klub und wechselten zum VfL Wolfsburg.

Andrea Barzagli

Zweimal erreichte Andrea Barzagli (hier im Duell gegen Galatasaray-Stürmer Burak Yilmaz) mit Juve das Champions-League-Finale. Beide Endspiele gingen verloren.

Deutscher Meister mit Wolfsburg

Bei den Niedersachsen hatte zu diesem Zeitpunkt Felix Magath das Zepter in der Hand. Zaccardo war ein Total-Flop und schnell unten durch, Barzagli hingegen spielte eine wichtige Rolle im System des ehemaligen Bayern-Trainers. Der Italiener ist seinem Ex-Trainer bis heute dankbar („Sein hartes Training hat meine Mentalität verändert. Wenn ich vorher 80 Prozent gab, gebe ich seither immer 100.“) und auch Magath war mit seinem 11-Millionen-Mann zufrieden. Am Ende der Saison, in der im Sturm der Brasilianer Grafite und ein junger Edin Dzeko wirbelten, stand überraschend der Gewinn der Bundesliga zu Buche. In der Folge ging es aber nicht nur mit Magath und Wolfsburg bergab, sondern auch mit Barzagli. Vor allem mit dem Engländer Steve McLaren kam der Innenverteidiger nicht zurecht – und wechselte im Winter 2011 für läppische 300.000 Euro zu Juventus.

Barzagli wird bei Juve zur Legende

Der italienische Rekordmeister war zu diesem Zeitpunkt weit vom aktuellen Status entfernt. Zweimal in Folge landete Juve nur auf Platz 7, dann übernahm Antonio Conte. Dieser hatte in seiner bisherigen Trainerlaufbahn mit Bari und Siena den Aufstieg in die Serie A geschafft, die Klubs danach aber jeweils verlassen. Letztere zu Gunsten von Juventus. Bei seinem Amtsantritt sprach Conte kein einziges Wort über Spieler oder Taktik, seine einzige Intention war es, dem Klub wieder die berühmte Juve-DNA einzupflanzen. Dafür hatte Juventus nicht nur den Trainer ausgetauscht, sondern auch gleich die ganze Klubführung. Andrea Agnelli war der neue, starke Mann im Verein und Conte auf dem Fußballplatz. Beide fanden im jeweils anderen den idealen Partner. Agnelli brauchte den impulsiven Süditaliener, um Juventus sportlich wieder auf Vordermann zu bringen und Conte einen starken Verein, um sich als Spitzentrainer zu etablieren. Beides ging auf, Conte holte mit Juve in drei Jahren ebenso oft den italienischen Titel.

„Magath hat meine Mentalität verändert. Jetzt gebe ich immer 100 Prozent!“

Andrea Barzagli, über seinen ehemaligen Trainer bei Wolfsburg

Von Anfang an ein wichtiger Teil im Vorhaben von Conte war Andrea Barzagli. Im runderneuerten 3-5-2-System stellte er den bulligen Abwehrmann als rechten Halbverteidiger auf, das Abwehr-Trio „BBC“ war geboren. Dabei war Barzagli so effektiv, dass er sogar die Rückkehr in die Squadra Azzurra schaffte. Sowohl bei der EM 2012, als auch bei den Großveranstaltungen 2014 und 2016 war er Stammspieler. Ingesamt bestritt Barzagli bis heute 70 Länderspiele für Italien. Mittlerweile ist nicht nur Conte bei Juventus Geschichte, sondern auch das „BBC“-Abwehrtrio. Zum einen, weil der aktuelle Juve-Coach Max Allegri selten auf eine Dreierkette setzt, zum anderen weil Bonucci im Sommer zu Milan wechselte. Barzagli ist hingegen immer noch ein wichtiger Mann bei Juventus, auch wenn er nicht mehr immer in der Startelf steht.

Im Mai 2017 holte Juventus den 6. Meistertitel in Folge. Wie bei allen Klubs mittlerweile üblich, wurde auch der Scudetto in Turin von einer Marketing-Kampagne begleitet. Deren Titel lautet: Le6ends! Andrea Barzagli ist eine dieser Legends, denn er war bei allen sechs Titeln dabei und hat mittlerweile bewiesen, dass er einer der besten Verteidiger der Welt ist. Beppe Marotta wird stolz sein, denn er hat das schon immer gewusst.