Italien verpasst die WM 2018. Erstmals seit 1958 ist die italienische Fußballnationalmannschaft nicht bei einer WM-Endrunde dabei. Dass es ein großes Köpferollen geben wird, war klar. Jetzt hat es Verbandspräsident Carlo Tavecchio erwischt. Ist der Weg in eine neue Ära damit geebnet?

Trainer Gianpiero Ventura wurde entlassen, verdiente Spieler wie Gianluigi Buffon oder Daniele De Rossi erklärten ihren Rücktritt. Jetzt ist auch Tavecchio zurückgetreten – allerdings nicht freiwillig. Wie kam es dazu?

Tavecchio vs. Albertini

In den Tagen nach dem WM-Aus im Play-off gegen Schweden, reagierte in den italienischen Redaktionen der Aktionismus. Alles und jeder wurde beschuldigt versagt zu haben, Ventura in den Ruhestand geschrieben und der Verband massiv dazu aufgefordert, neue Richtlinien zu erstellen. So ein Debakel, eine Fußball-Weltmeisterschaft ohne Italien, dürfe nie mehr passieren. Im Schatten dieser medialen Forderungen, wurde FIGC-Chef Carlo Tavecchio zu einem der meist gehassten Männer im Land.
Tavecchio hatte sein Amt 2014 von Giancarlo Abete übernommen. Dieser war nach dem Vorrunden-Aus bei der Weltmeisterschaft in Brasilien zurückgetreten. Abete war in Italien zwar umstritten aber nicht unbeliebt, Tavecchio schon. Schon bei seiner Ernennung zum neuen FICG-Präsidenten gab es massive Kritik. Viele hätten an Stelle des 70-jährigen Lombarden lieber Demetrio Albertini gesehen. Der ehemalige Milan-Profi hatte einen klaren Plan vorgelegt, der auf drei Säulen aufgebaut war: Kultur, Verjüngung des italienischen Fußballs und das sportliche Projekt.
Albertini pochte auf Reserve-Mannschaften die bis in die Serie C aufsteigen können und eine Serie A mit nur 18 Mannschaften. Am Ende scheiterte Albertini mit seinem Vorhaben, auch weil die Serie-C-Vereine strikt gegen die Reserve-Teams waren und Tavecchio unterstützten. Dieser konnte sich zudem auf die alte Garde um den damaligen Milan-Macher Adriano Galliani verlassen und setzte sich bei der Abstimmung gegen Albertini durch.
Drei Jahre später scheint Albertini erneut ein heißer Kandidat für das Amt des FIGC-Präsidenten zu sein. Seine Standpunkte hat er nicht verändert. Schon in der Anfangszeit von Ventura hatte er diesen kritisiert und stattdessen Trainer wie Gianpiero Gasperini lanciert. Flexibilität anstatt starrer Prinzipien. Während Galliani eine U23-Meisterschaft forderte, sprach Albertini von einer Reform der Trainerausbildung. Die besten Trainer in den Nachwuchsbereich, so das Credo von Albertini.

Der unfreiwillige Rücktritt

Als Carlo Tavecchio am 20. November um kurz nach 12 Uhr von seinem Am zurücktrat, war der Jubel groß. Bei den Fans, bei Journalisten und sogar in den Führungskreisen der sportlichen Institutionen. Tavecchio ist ein gehasster Mann.
Schuld daran ist die verpasse WM-Qualifikation. Dabei hatte sich der 74-Jährige schon in der Vergangenheit den einen oder anderen Fauxpass gleistest. Von rassistischen und homophoben Äußerungen, bis hin zu sexueller Belästigung war alles dabei. Gestolpert ist Tavecchio nie. Auch dieses Mal wollte er sich irgendwie durchwurschteln. Noch wenige Stunden vor seinem Rücktritt, schloss er einen solchen kategorisch aus.
Dieses Mal hatte Tavecchio die Rechnung allerdings ohne die Obrigen gemacht. CONI-Chef Giovanni Malagò ließ keine Gelegenheit aus, um Kritik zu üben. Sogar der italienische Sportminister Luca Lotti sprach von einer Reformierung des italienischen Fußballs. Der Druck auf Tavecchio wuchs, am Ende musste er sich beugen. Der Rücktritt des verhassten FIGC-Präsidenten alleine, wird aber zu wenig sein. Es braucht mehr, will Italien wieder in der ersten Klasse mit dabei sein.

Welche Reformen braucht der italienische Fußball?

In Italien spielen im Schnitt die ältesten Fußballprofis von Europa. Die Startelf von Chievo ist im Schnitt 31 Jahre alt. Auch Spitzenteams wie Juventus (28,7 Jahre) oder Napoli (27,7) setzen auf Routine. Es ist nicht so, dass es keine jungen Spieler in der Serie A gibt. Aber die spielen bei Benevento, Crotone oder Hellas Verona.
Dabei wird der Fußball-Nachwuchs in Italien gut ausgebildet. Woran es fehlt, ist die Durchlässigkeit nach oben. Vor allem Jugendspieler der Topklubs tun sich schwer, zu Einsätzen zu kommen. Deshalb werden viele Jugendspieler verliehen. Die Besten landen in der Serie B oder bei Abstiegskandidaten der Serie A. Der große Rest spielt in der dritten Liga. Auf den ersten Blick ist das kein Problem. Auf den zweiten schon.
Die Drittliga-Klubs sind nicht gezwungen ihre Spieler selbst auszubilden. Die Nachwuchsschmieden der Erstligisten versorgen sie mit jungen, billigen Fußballern. Genau aus diesem Grund, sind die Drittligisten vehement gegen die zweiten Mannschaften. Das hätte nämlich zur Folge, dass die Jungen bei ihren Stammvereinen bleiben. Die Serie-C-Klubs säßen auf dem Trockenen und wären dazu verdammt, selbst auszubilden. Das ist wiederum viel teurer als die Leihspieler aus der Serie A. Es ist ein Hamsterrad, das sich ständig im Kreis dreht.
Damit es wirklich zu einem Umschwung kommt, muss dieses Rad durchbrochen werden. Es braucht Reformen und neue Ideen. Doch das ist kaum irgendwo so schwer wie in Italien. Was es braucht sind mutige Entscheidungsträger, die nicht zurückstecken, wenn es wehtut. Und es braucht Projekte, die Geld kosten. Im Moment hat Italien weder das eine, noch das andere.