Die Geschichte von Bubi Meran und der Brigata Giallorossa

10 Jahre lang hatten die Südtiroler Kleinfeldfußballer von Bubi Meran die besten Fans der Liga hinter sich. Dann hat sich die Brigata Giallorossa aufgelöst. Hier ist ihre Geschichte.

Es herrscht eine ganz spezielle Atmosphäre wenn die Spieler des FC St. Pauli im Millerntor den Spielfeld-Rasen betreten. Das Stadion scheint zu beben, fast 30.000 Fans mit hunderten Fahnen empfangen die Akteure, dazu die Klänge von AC/DC`s Hells Bells. Es ist beeindruckend. So war es auch am 29. April 2016 als 1860 München in Hamburg zu Gast ist. Die Gegengerade präsentiert ein Meer aus bunten Fahnen, darunter der Schriftzug „all colours are beautiful“. Ein klares Statement gegen Homophobie, das vor dem Anpfiff gegen 1860 München zum Ausdruck gebracht wurde. Wenig später entrollen die Ultrà St. Pauli in ihrer Südkurve einen rot-gelben Banner mit der Aufschrift „10 Anni BGR Ciao Freaks“. Er ist der Südtiroler Ultragruppierung Brigata Giallorossa (BGR) gewidmet, die kurz nach dem 10-jährigen Bestehen ihre Auflösung bekannt gegeben hat.

Brigata Giallarossa Meran

Meran ist gelb-rot! Die imposante Choreografie zauberte die Brigata Giallarossa 2011 beim Derby gegen Olimpia Holiday aus dem Hut.

Igor, ein 28-Jähriger aus Lana sitzt in einem weißen Plastikstuhl auf der Terrasse seiner Wohnung und zündet sich zum Kaffee eine Zigarette an. Er war Gründungsmitglied der BGR und ihr Anführer. Von den Mitgliedern der Gruppe wurde er Capo genannt, auch wenn er betont, dass es bei der Brigata Giallorossa keinen Chef gegeben hat: „Wir waren ein Haufen von Freunden, die einfach Spaß an der Sache hatten.“ Die Mitglieder der Brigata Giallorossa waren keine normalen Ultras. Sie unterstützten keinen weltbekannten Verein, die Spieler die sie über 10 Jahre lang anfeuerten sind nicht einmal Profifußballer. Stattdessen pilgerten die rot-gelben Brigaden Woche für Woche zum Kleinfeldfußball, in Italien „Calcio a 5“ genannt. Sogar die Sprache der Spieler und ihrer Anhänger war eine andere. Während die meisten Mitglieder der BGR deutscher Muttersprache waren, ist Bubi Meran ein italienischer Verein – wie auch der größte Teil der Spieler. Aber Nationalität und Sprache spielen bei der BGR sowieso keine Rolle. Seit Bestehen setzt sich die Gruppe gegen Rassimus, Homophobie und der Kommerzialisierung des modernen Fußballs ein. „Für uns war von Anfang an klar, dass wir auch ein politisches Statement setzen wollen“, sagt Igor, der früher selbst in der Punk- und linken Skinheadszene zuhause war.

Die Gründung der Brigata: Aus Jux wurde Gewohnheit

Die Geschichte die 2005 zur Gründung der Brigata Giallorossa führte, ist eine kuriose und beschreibt die Ultras recht gut. Es war Freitag-Nachmittag und ein Freund von Igor, der damals Ersatz-Torhüter bei Bubi war, fragte ob er und seine Kollegen nicht einmal bei einem Spiel vorbeischauen möchten. Aus Langeweile machte sich die Gruppe von Freunden aus Lana wenige Stunden später auf den Weg in das 10 Kilometer entfernte Meran: „Wir waren mit ein oder zwei Autos unterwegs und haben von der Tribüne aus einfach nur Blödsinn zu unserem Freund auf das Spielfeld geschrien.“ Was als Jux begann, wurde zur Gewohnheit – die Brigata Giallorossa war geboren. Die gelb-roten Farben wurden vom Klub übernommen. Bubi Meran wurde 1982 von einer Gruppe ehemaliger Fußballer – darunter Ex-Profi Renzo Rossi – gegründet. Der etwas eigenartige Name des Vereins geht auf einen Sponsor, der Kinder-Artikel herstellte, zurück. Im deutschsprachigen Raum wird Kleinfeld-Fußball kaum wahrgenommen und auch der Meraner Verein hat vorwiegend italienische Spieler. Eigentlich sprach wenig dafür, sich für Bubi zu interessieren. Dabei haben die BGR und Bubi Meran schon die Tatsache gemein, dass beide aus demselben Hintergrund heraus gegründet wurden. Das G.A. im Wappen des Kleinfeldfußball-Vereins steht für „Gruppo di Amici“, was übersetzt eine „Gruppe von Freunden“ bedeutet. So war es auch bei der BGR, die ab 2008 immer mehr Zulauf erhielt. Zur selben Zeit entwickelten sich erste Kontakte zu anderen Ultra-Gruppierungen. In den Folgejahren bauten sich die Südtiroler gute Kontakte zu norditalienischen, aber auch zu ausländischen Gruppen wie den Ultras von First Vienna, den Innsbruckern von Wacker Unser oder dem Xiberg Xindel aus dem Vorarlberg auf. In Meran fand die Brigata Giallorossa einen Zwillingsbruder. Beim FC Obermais, einem Stadtviertelklub der aktuell in der 5. italienischen Liga spielt, entwickelte sich seit 2005 die Curva Sud – eine Ultra-Gruppierung die zu der BGR wie die Faust aufs Auge passte. Man unterstützte sich gegenseitig und trat z.B. bei den „Mondiali Antirazzisti“ – einem Freizeit-Fußballturnier in der Nähe von Modena – unter dem gemeinsamen Namen STAR (South Tyrol Against Racism) in Erscheinung.

Brigata Giallarossa Meran

Im Herbst 2011 musste die Brigata Giallorossa vom Palamainardo-Stadion in die Halle umziehen. Es war der Anfang vom Ende.

Einen ersten Dämpfer gab es für die BGR im Herbst 2011. Bubi Meran war soeben in die Serie B aufgestiegen. Sportlich ein großer Erfolg, doch für die BGR änderte sich alles. Der Klub musste vom geliebten Palamainardo-Stadion in die Karl-Wolf-Halle umziehen weil der Verband vorschreibt, dass ab der Serie B in der Halle gespielt werden muss. Das Palamainardo-Stadion liegt am Bahnhofsgelände in Meran. Es hat zwei Tribünen, wobei eine nicht überdacht ist. Diese konnten die Ultras für sich nutzen. Der Rauch der sich bei den Pyrotechnik-Aktionen entwickelte stieg in den Meraner Nachthimmel, zum Dosenbier konnte geraucht werden. Alles war perfekt. In der Halle angekommen, war an Pyrotechnik und Zigaretten nicht mehr zu denken. Ein wichtiger Faktor der BGR-Choreografien fiel plötzlich weg. Ihre aufwändigen Choreografien hat sich die Brigata Giallorossa stets selbst finanziert. Wurde am Anfang noch Bier verkauft, konnte man später Mitgliedskarten, T-Shirts oder Schals erwerben. Zudem gab es mit „Il Maledetto“ ein eigenes Fan-Magazin. Dieses beinhaltete Spielberichte, Stellungnahmen und Artikel über die interne Kommunikation. Bei den Heimspielen wurde es gratis verteilt. Zur Blütezeit war die Brigata Giallorossa auf 50 Personen angewachsen, bei den Heimspielen besetzten die Ultras oftmals die halbe Tribüne.

Tränen & Pyro zum Abschied

Trotzdem ging es langsam aber stetig abwärts. Viele Mitglieder aus dem harten Kern der Gruppe hatten immer weniger Zeit oder gingen ins Ausland zum Studieren. Wichtige Stützen und gute Freunde fielen weg, nach Außen hin schien die Ultra-Gruppe vielleicht etwas zu wenig zugänglich zu sein. „Das hat einige Leute davon abgehalten uns anzusprechen oder beizutreten“, so Igor. In den letzten zwei Jahren vor der Auflösung nahm die BGR noch einmal Fahrt auf. Erstmals in der Geschichte der Brigata Giallorossa kam eine Gruppe von Italienern dazu, die Rettung der BGR war es allerdings nicht. Es zögerte den Tod der Ultra-Gruppierung allenfalls hinaus. Dennoch gab es im Oktober 2014 noch ein absolutes Highlight. Bubi Meran musste in Sardinien antreten und die Ultras begleiteten ihre Mannschaft. Ohne dass es die Bubi-Spieler wussten, empfingen die Ultras ihr Team auf dem Flughafen in Alghero. Die Spieler waren so überrascht, dass ihnen beim Anblick der singenden Fangemeinde erst einmal der Mund weit offen blieb. „Diese Reise war ein Höhepunkt der Brigata-Zeit“, sagt Igor heute.

Brigata Giallorossa Meran

10 Jahre begleitete die Brigata Giallorossa ihren Klub. Jetzt haben sich die Ultras aufgelöst.

Im März 2016 trafen sich die Ultras zum letzten Mal. Es wurde ein Abschiedsspiel organisiert wo alle ehemaligen Weggefährten eingeladen wurden. Ein Banner mit der Aufschrift „Obschied“ wurde präsentiert, bevor es zum endgültigen Abschluss in das Wohnzimmer der BGR, das Palamainardo-Stadion ging. Dort zündeten Igor und seine Freunde zum letzten Mal die gelb-rote Pyro und es flossen Tränen: „Wir waren nicht mehr die Brigata die wir einmal waren. Es war besser die Gruppe aufzulösen.“ Doch die BGR hat Spuren hinterlassen. Einige ehemalige Mitglieder sind heute bei der Obermaiser Curva Sud aktiv. Viele sind sozial engagiert, organisieren Musik-Festivals oder helfen andersweitig mit, dass die Jugend- und Willkommenskultur in Meran nicht ausstirbt. Die gelb-roten Aufkleber der Ultras sind sowieso überall zu entdecken.

„Merano è giallorossa“ – Meran ist gelb-rot. Imposant prangt der Banner unter dem Meraner Kurhaus, einem der Wahrzeichen der Südtiroler Kurstadt. Aber der Schriftzug hängt nicht unter dem echten Kurhaus. Er ist Teil einer mächtigen Choreografie, die 2011 während des Derbys zwischen Holiday Meran und Bubi Meran präsentiert wurde. Jetzt, fünf Jahre später ist Bubi in die Serie A2 aufgestiegen. Es ist der größte Erfolg in der Geschichte des Vereins, aber die Mannschaft muss in der zweithöchsten italienischen Kleinfeldliga ohne ihre Fans auskommen. Die Brigata Giallorossa gibt es nicht mehr. Meran ist nicht mehr gelb-rot, Meran war es. Schade.