Die verrückte Geschichte von Cristiano Lucarelli und seinem AS Livorno

„O bella, ciao! bella, ciao! bella, ciao, ciao, ciao!“ So hallt es im Frühjahr 2006 durch die italienischen Serie-A-Fußballstadien. Gesungen wird das italienischen Partisanenlied, das während des 2. Weltkriegs bekannt wurde und noch heute als Widerstandshymne gegen den Faschismus gilt, von den Brigate Autonome Livornesi (BAL) – den linksgerichteten Ultras von Livorno Calcio.

Der Klub selbst steht am Höhepunkt seines jüngeren Tuns. Erstmals in der Geschichte hatten sich die Amaranto (Die Blutroten) für den Europapokal qualifiziert. 1920 und 1943 war Livorno zweimal italienischer Vizemeister geworden, doch das ist lange her. Dass sich der biedere Arbeiterklub aus der italienischen Hafenstadt für den Europapokal qualifizeren konnte, war eine Sensation – und lag vor allem am Sturmduo Igor Protti und Cristiano Lucarelli. Während erster Livornos Rekordtorschütze und einer von nur zwei Spielern, die in der Serie C, Serie B und Serie A Torschützenkönig wurden ist, haben die Livorno-Fans in Lucarelli ein Idol gefunden. Viel mehr noch: Einen Gleichgesinnten, der sich mit Herz und Seele mit dem Verein und seinen Anhängern identifizierte.
Der AS Livorno Calcio ist ein Verein mit einer bewegten Geschichte. 1915 war der Klub aus einer Fusion zwischen Virtus Livorno und SPES Livorno hervorgegangen. 14 Jahre später war man Gründungsmitglied der Serie A, ehe man 1943 nur der damaligen Übermannschaft Torino, auch bekannt als „Grande Torino“, dem Vortritt lassen musste und mit Platz 2 die beste Serie-A-Platzierung der Vereinsgeschichte errang. In der Folge ging es bergab. 1949 stieg der Klub aus der Serie A ab. Es dauerte 55 lange Jahre bis Livorno in die höchste italienische Liga zurückkehrte – und das lag vor allem an einem Mann: Cristiano Lucarelli.

Lucarelli: Von der Werft zum Torschützenkönig

Cristiano Lucarelli ist ein Sohn der Stadt. Am 4. Oktober 1975 wurde er in der toskanischen Hafenstadt Livorno als erster von zwei Söhnen geboren. Sein Vater, ein Werftarbeiter und glühender Fan des AS Livorno, nahm den kleinen Cristiano bereits mit eineinhalb Jahren mit in das Stadion. Das hinterließ bleibenden Eindruck. Noch in seiner Zeit als Jugendfußballer stand Lucarelli Woche für Woche in seiner geliebten Fankurve. Das Fußballspielen begann Sohnemann Lucarelli im Alter von sechs Jahren bei Carli Salviano, einem italienischen Amateurklub der aktuell in der 3. Amateurliga, der niedersten italienischen Spielklasse, spielt. Seine Profikarriere begann 1993 bei Zweitligist Perugia. Dort kam Lucarelli, der schon in jungen Jahren als großes Talent angepriesen wurde, nie so recht in Tritt. Der Durchbruch gelang ihm beim süditalienischen Serie-B-Klub Cosenza, wo er in 32 Spielen 15-mal einnetzte. Livorno durchwanderte zu diesem Zeitpunkt das tiefste Tal seiner Geschichte. 1991 war dem Klub aufgrund von finanziellen Problemen die Lizenz entzogen worden. Livorno musste in der Oberliga, der 6. italienischen Liga, neu anfangen. Für Lucarelli lief es hingegen blendend. Nachdem er auch bei Padova überzeugen konnte, wechselte er 1997 zu Atalanta in die Serie A.
Zeitgleich hatte er den Sprung in die U21-Nationalmannschaft geschafft. Dort erzielte er in zehn Spielen ebenso viele Tore. Doch seine Karriere bei den Azzurrini endete abrupt. Am 27. März 1997 spielte die italienische U21 gegen Moldawien. Lucarelli erzielte einen Treffer und feierte diesen mit einem T-Shirt von Che Guevara. Eigentlich sollte es ein Gruß an seine Ultra-Freunde von den BAL sein, doch stattdessen wurde ein handfester Skandal daraus der bis in die Spitze des italienischen Fußballverbandes vordrang. Lucarelli versuchte die Sache im Nachhinein zwar zu beschwichtigen, doch wenn es darum ging, für die Nationalmannschaft nominiert zu werden, war er fortan unten durch. Lucarelli war schon immer für den einen oder anderen Skandal gut. So handelte er sich während seiner Zeit bei Torino eine absichtliche Sperre ein, nur um am darauffolgenden Wochenende das Derby zwischen Livorno und dessen Erzfeind aus Pisa verfolgen zu können. Ebenfalls in seine Turiner Zeit fiel die Geschichte mit dem selbst gekürzten Gehalt. Weil er nicht so oft traf, wie er es sich selbst vorgestellt hatte, fühlte er sich überbezahlt und strich sich kurzerhand einen Teil seines Salärs. Cristiano Lucarelli ist eben kein normaler Fußballprofi. Das bewies er auch ein Jahr später. Die Verbindung zu seinem Herzensverein Livorno war nie abgerissen – und das, obwohl er noch nie als Spieler bei diesem Klub war. Als Livorno 2002 die lang ersehnte Rückkehr in die Serie B schaffte, musste Lucarelli nicht lange überlegen. Endlich würde er für „seinen“ Klub auflaufen. Dass er dafür von der ersten in die zweite Liga wechseln musste, war Lucarelli egal. Im Sommer 2003 war es soweit.

Livorno, eine Herzensangelegenheit

Die Tifosi überschütteten ihn von der ersten Sekunde an mit ihrer Zuneigung, Lucarelli lief mit der 99 auf dem Rücken auf – eine Hommage an die BAL, die 1999 durch den Zusammenschluss von verschiedenen Ultra-Gruppierungen entstanden war. Die Fusion der Ultras war auch eine Reaktion auf den politischen Druck, der von der Mitte-Rechts-Regierung um Silvio Berlusconi ausgeübt worden war. Sportlich lief es für die Blutroten hervorragend. Trainer Walter Mazzarri , der zuvor nur unterklassige Klubs trainiert hatte, erwies sich als Glücksgriff. Am Ende der Saison 2003/2004 stieg Livorno in die Serie A auf. Lucarelli selbst hatte in 43 Ligaspielen 29-mal getroffen. Überflügelt wurde diese Marke nur von Palermo-Stürmer Luca Toni, der 30 Tore erzielt und die Sizilianer damit zum Meister gemacht hatte. In der höchsten Spielklasse angekommen, starteten die Toskaner beim frischgebackenen Meister und Berlusconi-Klub Milan in die Saison. Das Spiel endete 2:2, Lucarelli schnürte einen Doppelpack. Ein gefundenes Fressen für die 10.000 mitgereisten Livorno-Fans, die keine Gelegenheit ausließen sich über den verhassten italienischen Ministerpräsidenten lustig zu machen. Ein Zwischentief und eine Trainerentlassung später, klassierte sich Livorno bei seiner Serie-A-Rückkehr auf Platz 8. Für die eigentliche Sensation sorgte aber wieder einmal Cristiano Lucarelli. Mit 24 Toren wurde er Torschützenkönig, vor Spielern wie Andrej Schewtschenko vom AC Milan (er war damals immerhin Europas Fußballer des Jahres) oder dem brasilianischen Inter-Goalgetter Adriano. Eine Nominierung für die Nationalmannschaft war längst überfällig.
Der linksgerichtete Lucarelli war dem italienischen Verband allerdings stets ein Dorn im Auge. So musste er 30.000 Euro Strafe zahlen, weil er in einem Interview politische Aussagen tätigte und klar stellte, dass die Livorno-Kurve gegen die damalige Berlusconi-Regierung sei. Lucarelli setzte sich offen gegen Rassismus und für Gleichheit ein, der sozialistische argentinische Revolutinär Che Guevara zählte zu seinen Idolen. Zwar wurde Lucarelli kurz vor der Weltmeisterschaft 2006 für zwei Freundschaftsspiele nominiert, ins WM-Aufgebot schaffte er es aber nicht – obwohl er in den beiden Serie-A-Spielzeiten zuvor 49 Treffer erzielt hatte. Das sorgte für hitzige Diskussionen im Stiefelstaat, linke Gruppierungen warfen dem Verband politisches Kalkül vor. Erst nachdem Lippi abgetreten und Italien ohne Lucarelli Weltmeister geworden war, durfte er in einem Pflichtspiel für die italienische Nationalmannschaft auflaufen. Roberto Donadoni, sein ehemaliger Trainer bei Livorno, hatte ihn in den Kreis der Azzurri geholt. Zur großen Karriere in der Nationalmannschaft reichte es aber nicht mehr, in sechs Länderspielen traf er dreimal.
Bei seinem Klub sorgte Lucarelli ebenfalls für Gesprächsstoff. Zunächst bezahlte er inhaftierten Livorno-Fans – die sich zuvor mit den faschistischen Ultras von Lazio geprügelt hatten – die Heimreise aus Rom, dann flatterte ein Millionen-Angebot von Zenit St. Petersburg ins Haus. Während sich andere Fußballer mit dem ganzen verdienten Geld eine Jacht, eine Villa am Meer oder einen teuren Sportwagen kaufen, würde ihm ein neues Livorno-Trikot reichen, so Lucarelli – und lehnte die Offerte der Russen ab. Die Biografie von Lucarelli, die von seinem Berater geschrieben wurde und aus der dieses Zitat stammt, ist heute Lektüre in Livornos Schulen.

Nach seiner aktiven Laufbahn schlug Cristiano Lucarelli eine Trainerkarriere ein. Bis jetzt allerdings ohne großen Erfolg. Apropos Erfolg: Nach mehreren unvollendeten Versuchen in die Serie A zurückzukehren, ist Livorno im Juni 2016 in die Drittklassigkeit abgestiegen. Auch die BAL ist mittlerweile in ihre Einzelteile zerfallen, Einige sprechen sogar davon, dass sich die Ultra-Gruppierung aufgelöst hat. Doch vielleicht braucht es einfach nur Cristiano Lucarelli um wieder nach oben zu kommen. Dass die lebende Legende der Amaranto für immer „Bella Ciao“ zu seinem Klub gesagt hat, damit rechnet in Livorno sowieso niemand. Nur mit dem Toreschießen dürfte es auf der Trainerbank schwierig werden.