Wie fällt das Fazit nach dem ersten Grand-Slam-Turnier 2018 aus?

Mit seinem Triumph bei den Australian Open ist Roger Federer endgültig der größte Tennisspieler aller Zeiten. Der Schweizer zeigte wieder einmal Tennis in Perfektion und konnte seiner einzigartigen Trophäensammlung seinen 20. Grand-Slam-Titel hinzufügen – Rekord! Während viele Konkurrenten dem Verletzungsteufel zum Opfer fielen, hat sich im Schatten Federers ein junger Koreaner ins Rampenlicht gespielt.

Es wurde wie jedes Jahr viel gemunkelt im Vorfeld der Australian Open. Das prestigeträchtige Turnier in Down Under ist nämlich nicht nur das erste Grand-Slam-Turnier des Jahres, sondern auch das erste Kräftemessen der Saison. Anders als in den Jahren zuvor war nicht davon auszugehen, dass unbedingt einer der großen vier als umjubelter Sieger aus dem Turnier herausgehen muss. Während Andy Murray verletzungsbedingt erst gar nicht am Turnier teilnehmen konnte, war der körperliche Zustand von Novak Djokovic und Rafael Nadal auch alles andere als gewiss. Der einzige vollkommen fitte Spieler der vier Dominatoren der letzten Jahre, war Roger Federer. Der Rest ist bekannt.

Der neue Stern aus Korea

Es gilt als offenes Geheimnis, dass es bei einem Best-of-Five-Match für einen Außenseiter deutlich schwieriger ist gegen einen Favoriten zu gewinnen, als bei einem Spiel über maximal drei Sätze. Vielleicht ist auch dies der Grund, dass es bei Grand-Slam-Turnieren fast nie Überraschungssieger gibt. So sollte es auch diesmal kommen.
Als die Halbfinalisten der diesjährigen Australian Open feststanden, rieben siche viele zuerst einmal verwundert die Augen. Mit Kyle Edmund und Hyeon Chung standen nämlich zwei Spieler in der Runde der letzten vier, die bislang nur ausgesprochenen Tennisexperten ein wirklicher Begriff waren.

Australien Open: Maestro Federer schreibt Geschichte

Ohne Brille geht nicht viel: Hyeon Chung und sein Markenzeichen. (Foto: Tatiana/Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Während Ersterer als große Nachwuchshoffnung in Großbritannien gehandelt wird, war von Letzterem bis zum Achtelfinale nicht mehr bekannt, als dass er, als der aufstrebendste asiatische Nachwuchsspieler gilt. Spätestens dort hat er aber gezeigt, warum das so ist. Gegen einen, nicht zu 100% fitten, Novak Djokovic zeigte Chung außergewöhnliches Tennis, brillierte mit bestechendem Grundlinienspiel und einer überragenden Physis. Es erinnerte fast schon ein klein wenig an seinem Gegenüber, als dieser in seiner besten Phase die Gegner genau mit diesen Attitüden zermürbte. Der Schein trügte nicht, denn als der Drei-Satz-Sieg Chungs feststand, verriet er im Stadioninterview, dass Djokovic sein sportliches Vorbild ist.
Außer seines noch verbesserungswürdigem Aufschlag, bringt der Koreaner alles mit, was einen Tennisspieler auf allerhöchstem Niveau ausmacht. So sollte erst im Halbfinale gegen den späteren Sieger Federer Schluss sein. Federer war an diesem Tag der klar bessere Spieler, während sich Chung im Laufe des Matches immer mehr mit Blasen und anderen körperlichen Probleme herum kämpfen musste und schließlich aufgab. Nichtsdestotrotz, Chung hat ein starkes Ausrufezeichen gesetzt.

Großbritannien hat einen neuen Star

Selbiges könnte man auch von Kyle Edmund behaupten. Der 23-Jährige hat sich nämlich klamm und heimlich bis in die Runde der letzten Vier geschlichen – und auf diesem Weg, unter anderem Südtirols Nummer eins Andreas Seppi und den enorm starken Bulgaren Grigor Dimitrov aus dem Weg geräumt. Der schüchterne Brite hat sich im Herbst vergangenen Jahres den Schweden Fredrik Rosengren an die Seite geholt. Dieser hatte als Trainer bereits zuvor Robin Söderling und Magnus Norman in Grand-Slam-Endspiele geführt. Für Edmund ein Glücksgriff. Neben seinen bereits vorhandenen spielerischen Fähigkeiten hat es Rosengren nämlich geschafft, Edmund das nötige Selbstvertrauen und die richtige Fitness mit auf den Weg zu geben. Das hat ihm in früheren Jahren noch gefehlt. Das Resultat kann sich sehen lassen und Großbritannien scheint nach Andy Murray einen weiteren Ausnahmekönner gefunden zu haben. In Marin Cilic hat schließlich aber auch Edmund seinen Lehrmeister gefunden. Er ist in einem sehr einseitigen Halbfinale förmlich untergegangen. Dies war auf der einen Seite sicherlich der mangelnden Erfahrung und auf der anderen Seite der nicht unglaublichen Stärke Cilics geschuldet.

Der Weg ins Finale

Die jüngere Vergangenheit hat dafür gesorgt, dass ein Cilic im Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers nicht mehr als Überraschung angesehen wird. Der extrem gläubige Kroate hat es in den vergangenen Jahren nämlich geschafft, sein Spiel noch einmal auf eine neue Ebene zu hieven. Nach dem Absitzen seiner Dopingsperre, im Jahr 2013, hatte er zwar anfänglich noch Probleme wieder in die Spur zu finden. Mit dem US-Open-Sieg im Jahr 2014 war Cilic jedoch endgültig angekommen im Geschäft der Großen. Seitdem ist er bei den großen Turnieren in den finalen K.o.-Spielen nicht mehr wegzudenken. Hauptgrund für seine Stärke ist sein herausragender Aufschlag, gepaart mit seinen knallharten Grundlinienschlägen. Hinzukommt, dass sich Cilic auch am Netz verbessert hat und daher ein breites Fächergebiet abdeckt.

Australien Open: Maestro Federer schreibt Geschichte

Angeschlagen und vom Thron gestürzt: Rafael Nadal. (Foto: Brett Marlow/Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Im Viertelfinale lieferte er sich gegen Rafael Nadal einen packenden Schlagabtausch, bis dieser schließlich, nach massiven Hüftbeschwerden beim Stand von 0:2 aus seiner Sicht, im fünften Satz aufgeben musste. Bis dahin hat Cilic aber bereits gezeigt, dass für ihn die Reise noch weitergehen könnte. Eine Reise, die ihn schließlich bis ins Finale geführt hat und dort auf keinen geringeren als Roger Federer treffen ließ.
Dieser war in typischer Federer-Manier durch das Turnier gepflügt und hatte seinen Kontrahenten wenig, bis gar keine Chancen gelassen, auch nur einen Satz zu gewinnen. Im Viertelfinale gegen Tomas Berdych untermauerte er nach einem 2:5-Rückstand im ersten Satz noch einmal seine Sonderklasse, als er den Satz doch noch gewann und einen bis dato starken Berdych anschließend mühelos aus dem Weg schaffte. Das Halbfinale gegen Chung, der im zweiten Satz aufgeben musste, war nicht mehr eine Trainingseinheit.

Federer vs. Cilic: Das Duell um den Titel

So hieß es: Bühne frei für eine epische Schlacht in der Hitze von Down Under. Die Temperaturen waren derartig hoch, dass das Stadiondach geschlossen werden musste, um die Spieler nicht zu überfordern. In einem anfangs einseitigen Finale legte Federer los wie die Feuerwehr und holte sich nach nicht einmal einer halben Stunde den ersten Satz. Im zweiten Satz war das Spiel ausgeglichener und Cilic begann stärkere Gegenwehr zu leisten. Diese krönte er mit dem Satzausgleich, als er ein knappes Tiebreak mit 7:5 für sich entschied.
Im dritten Satz hatte Federer zuerst einen Breakball gegen sich, wehrte diesen jedoch ab und verbuchte den dritten Durchgang für sich. Als er im vierten Satz gleich wieder davon zog sah vieles nach einem Vier-Satz-Erfolg Federers aus. Cilic kam aber noch einmal zurück und holte sich völlig überraschend noch den Satz. Im fünften und entscheidenden Durchgang ließ Federer jedoch nichts mehr anbrennen und rollte wie eine Walze auf seinen 20. Grand-Slam-Titel zu.

Australien Open: Maestro Federer schreibt Geschichte

Stark, aber nicht gut genug für Federer: Marin Cilic. (Foto: Filip Feja/Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Als Federer um 12:37 europäischer Zeit seinen ersten Matchball nutzen konnte war es soweit und „King Roger“ hatte ein weiteres Stück Tennis-Geschichte geschrieben. In Tränen ausbrechend, war dem Schweizer die Erleichterung deutlich anzumerken. Er hatte es wieder einmal geschafft und seine Kritiker, die ihn schon vor einigen Jahren bereits abgeschrieben hatten, hatte er ein weiteres Mal Lügen gestraft.

Rückblickend haben die Australian Open 2018 gezeigt, dass es eine neue, junge und aufstrebende Garde gibt, die die altetablierten Spieler vom Thron stoßen will. Jedoch hat nicht nur das Turnier sondern auch die Vergangenheit gezeigt, dass das Niveau genau dieser Spieler nur äußerst schwierig zu erreichen ist. Die Chancen für Nachwuchsspieler nach Titeln zu greifen ist im Moment allerdings größer als sonst, denn viele Stars plagen sich mit Verletzungen herum. Um die ganz großen Titel zu feiern müssen sie sich allerdings noch verbessern, denn die Latte liegt extrem hoch. Auch, weil es einen Tennisperfektionisten aus der Schweiz gibt, der nun mal weiß wie man das macht: El Maestro, Roger Federer.