Aksel Lund Svindal hat es geschafft: Im fortgeschrittenen Skialter von 35 Jahren kann er sich von nun an auch den Abfahrts-Olympiasieg auf seine Agenda heften. Ein Erfolg der die einzigartige Karriere des bocklangen Norwegers einmal mehr dick unterstreicht. Manch anderer Athlet hätte die Skier wahrscheinlich längst schon an den Nagel gehängt, wenn man sich die Verletzungsliste Svindals zu Gute führt. Doch Svindal ist ein geborener Kämper, dem für die endgültige Krönung seiner Karriere jetzt eigentlich nur noch ein letzter Baustein fehlt.

Jeder eingefleischte Skifan kann sich wahrscheinlich noch an das Weltcupfinale der Saison 2008/09 im schwedischen Aare erinnern. Nach dem saisonabschließenden Slalom konnte Aksel Lund Svindal den 2. Gesamtweltcuptriumph seiner Karriere für sich verbuchen. Legendär sein Urschrei-ähnlicher Jubel nach Übergabe der Kristallkugel. Ein Gänsehaut-Moment für alle Fans und TV-Zuschauer. Lediglich zwei Punkte entschieden den Gesamtweltcup zugunsten Svindals und gegen den Nordtiroler Benni Raich – bis heute der knappste Vorsprung der Weltcup-Historie. Dies war aber wahrscheinlich trotzdem nur bedingt der Grund für Svindals Jubelschrei im Zielraum.

Ein Horrorsturz mit Folgen

27. November 2007: Im nordamerikanischen Beaver Creek findet das erste Abfahrtstraining für die Abfahrt statt. Die legendäre „Birds of Prey“ präsentiert sich wie immer ruppig und anspruchsvoll. Während andere Läufer sich langsam an die Pistenverhältnisse herantasten will es der sich in Topform befindende Aksel Lund Svindal von Anfang an wissen. Auch beim berüchtigten „Golden Eagle Jump“ geht Svindal volles Risiko: Zu viel des Guten. Svindal stürzt schwer und zieht sich mehrere Knochenbrüche im Kopf und eine tiefe Fleischwunde am Gesäß zu. Die Skiwelt ist erschüttert und schon bald war klar, dass die Saison für Svindal gelaufen ist.

Eine Tatsache, die Svindal wahrscheinlich ziemlich egal war, zumal bei einem Sturz in diesem Ausmaß auch weitaus schlimmeres hätte passieren können. Nach einem mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt und zahlreichen Operationen begann für Svindal der steinige Weg zurück an die Weltspitze. Ein Weg, der ihm genau ein Jahr darauf sowohl in Abfahrt, als auch in Super-G wieder genau auf jener Strecke wieder siegen ließ, auf der er ein Jahr zuvor noch so schwer gestürzt war. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war klar, dass Svindal kein gewöhnlicher Athlet ist, sondern einer, den nichts aus der Bahn wirft.

Immer wieder Rückschläge

Neben seinem zweiten Gesamt-Weltcupsieg konnte Svindal nur eine Saison nach dem Horrorsturz auch den Super-G Weltcup, sowie Super-Kombi-Gold und Abfahrts-Bronze bei den Weltmeisterschaften in Val-d’Isère gewinnen. Die Krönung einer formidablen Comeback-Saison. Nur ein Jahr später holte er sich bei  den Olympischen Winterspielen in Vancouver seine erste Olympia-Goldmedaille im Super-G und noch dazu die Silbermedaille in der Abfahrt. Damit brachte er eine ansonsten eher dürftige Saison doch noch zum Glänzen.

Von nun an war Svindal endgültig wieder im Kreis der Elite angekommen und duellierte sich in den Folgejahren immer wieder mit dem Österreicher Marcel Hirscher um die große Kristallkugel. Den besseren Ausgang hatte zwar immer Hirscher auf seiner Seite, Svindal wiederum gewann jedoch immer wieder kleine Kristallkugeln und Edelmetall bei Großereignissen. Wie bei einem guten Wein hatte bzw. hat man auch bei Svindal das Gefühl, dass er mit dem Alter immer besser wird. Einziger Störenfried: Svindals Körper. Noch vor der Saison 2014/2015 zieht sich Svindal beim Fußballspielen einen Achillessehnenriss zu und die WM-Saison war so gut wie gelaufen. Nach einer Wunderheilung gelingt es Svindal doch noch an der Weltmeisterschaft teilzunehmen und schließt diese ohne zuvor ein Rennen bestritten zu haben mit zwei guten 6. Plätzen in den schnellen Disziplinen ab.

Letzter weißer Fleck: Kitzbühel

Die darauf folgende Saison 2015/16 startet Svindal wieder fulminant: In den ersten neun Speed-Rennen gelingen ihm sieben Siege – Extraklasse! Mit über 100 Punkten Vorsprung im Gesamtweltcup nimmt er einen, wenn nicht den größten noch zu erreichenden Meilenstein in seiner Karriere in Angriff: den Abfahrtssieg auf der legendären Streif in Kitzbühel.

Auf dieser zeigt sich an diesem Tag aber vor allem die Kompression nach der Hausbergkante von ihrer unschönen Seite. Zahlreiche Athleten, darunter auch Svindal kommen schwer zu Sturz. Anfangs noch selber aufgestanden und weitergegangen wird bei Svindal nach genauerer Untersuchung ein Riss des vorderen Kreuzbandes und des Meniskus im rechten Knie diagnostiziert. Der Beginn eines weiteren Leidensweges zurück. Doch Svindal wäre nicht er selbst, hätte er nicht diese Hürde auch noch genommen.

In der Saison 2016/17 gibt er erneut sein Comeback und kann wieder prompt  mit guten Ergebnissen überzeugen. Ganz spurlos sind die Verletzungen dann aber doch nicht an ihn vorbeigegangen und er muss die Saison vorzeitig abbrechen. Die ganzen Verletzungen in Kombination mit dem steigenden Alter haben dazu geführt, dass Svindal nicht mehr dasselbe Trainingspensum, wie noch vor ein paar Jahren gehen kann. Seinen Leistungen tut jedoch auch das keinen Abbruch und nach einer bereits überzeugenden bisherigen Saison darf er sich nun also auch Abfahrtsolympiasieger nennen.

Die Angst, dass sich Svindal mit diesem Triumph am Ende seiner Karriere angekommen sieht, muss man aber nicht haben. Zu groß ist der Reiz hinter einem Abfahrtstriumph auf der Kitzbühler Streif auch noch ein dickes Häkchen zu setzen. Wer Svindal kennt, weiß, dass er sich ohne diesen Erfolg, nicht einfach von heute auf morgen verabschieden wird. Nichtsdestotrotz ist der Sportler Svindal aber ohnehin schon seit längerem über jeden Zweifel erhaben, Svindal der Mensch steht dem aber um Nichts nach.

Einer der größten Sportsmänner der Welt

Wer Aksel Lund Svindal beim Interview sieht, sieht nicht nur einen braungebrannten Modelathlet, der Rede und Antwort steht. Nein, in Aksel  Lund Svindal sieht man einen der fairsten uns sympathischsten Sportler der Branche. Kaum ein Interview vergeht, indem er nicht die grandiose Leistung eines anderen Athleten heraushebt und seine eigene hinten anstellt. Kaum ein Interview vergeht, in dem er nach einer Niederlage oder einer Enttäuschung weder Ausreden noch Schuldige sucht.

Vielmehr nutzt er die Gelegenheit denen zu gratulieren, die besser waren und besser gearbeitet haben als er. Genau das macht ihn so einzigartig und gleichzeitig zu einem der größten Sportsmänner weltweit. Neben seinen zahlreichen Verletzungen hat er nämlich auch den frühen Tod seiner Mutter wegstecken müssen. Svindal war gerade einmal acht Jahre als er zum Halbwaisen wurde. Bis heute hat er darüber aber noch nicht ein Sterbenswörtchen erwähnt. Umso höher sind seine sportlichen und zwischenmenschlichen Fähigkeiten anzurechnen, denn zusammen machen sie ihn nicht nur zu einem der erfolgreichsten Skiathleten der Geschichte, sondern auch zu einem von allen Seiten geschätzten Symphatieträger.